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EU-Maßnahme gegen Aspen lenkt den Blick auf globale Preishürden

Die EU-Kommission hat Anfang Februar die Verpflichtungszusagen der Firma Aspen Pharmacare für bindend erklärt. Der jahrelange Streit mit dem Hersteller um extreme Kosten und geringe Verfügbarkeit von sechs Arzneimitteln soll damit beigelegt werden.

Konkret geht es um die Wirkstoffe Melphalan, Chlorambucil, Mercaptopurin, Tioguanin und Busulfan, die bei der Behandlung verschiedener Formen von Blutkrebs eingesetzt werden. Aspen hatte die Herstellung der Präparate 2012 nach Auslauf des Patentschutzes übernommen – und anschließend die Preise nach oben gejagt. Die EU antwortete 2017 mit einem Prüfverfahren und warf dem Hersteller vor, seine Marktmacht zu missbrauchen: „Selbst nach Berücksichtigung einer angemessenen Rendite hätten die Preise durchschnittlich um fast 300 Prozent über den relevanten Kosten gelegen, so die Kommission, wobei der Überschuss von Produkt zu Produkt und von Land zu Land unterschiedlich groß ausgefallen sei.“[1] Deutschland war als eines der ersten europäischen Länder von den Preissprüngen betroffen.

Bewusste Verknappung

Die Firma setzte darauf, dass in vielen Fällen schlichtweg keine oder nur wenige Alternativen zur Verfügung standen. Als sie Gegenwind erhielt, griff sie laut EU zu noch härteren Mitteln: „Als nationale Behörden versuchten, sich den Preiserhöhungen zu widersetzen, drohte Aspen gar, die Medikamente aus den nationalen Listen erstattungsfähiger Arzneimittel streichen zu lassen, und gab in einigen Fällen sogar seine Absicht bekannt, die üblichen Lieferungen in den betreffenden Mitgliedstaaten einzustellen.“[2]

Die EU machte jetzt Ernst: Die Firma muss die Preise der sechs Medikamente im Schnitt um 73% senken, auf das Niveau von 2012. Die Preise gelten rückwirkend vom 1. Oktober 2019 für zehn Jahre, zum Ausgleich muss Aspen eine Einmalzahlung leisten. Der Hersteller musste zudem die Versorgung für die EU in den kommenden fünf Jahren zusichern. Bei Verstößen droht ein Bußgeld von bis zu 10% vom Gesamtumsatz der Firma. Nach eigenen Angaben machte Aspen zuletzt einen Jahresumsatz von fast zweieinhalb Milliarden US-Dollar.

Der Skandal wirft nicht nur ein grelles Schlaglicht auf weit verbreitete, skrupellose Praktiken der Pharma-Industrie im Milliardenmarkt mit Krebs-Präparaten. Er zeigt auch die globale Dimension des Problems.

Dramatische Lage in Südafrika

Aspen besitzt zwar mehrere Tochtergesellschaften in Europa, hat seinen Sitz jedoch in Südafrika. Auch dort zeigte der Clinch mit der EU-Kommission Folgen. Das machte Salomé Meyer, Aktivistin und Projektmanagerin bei der südafrikanischen Cancer Alliance im Gespräch mit der Pharma-Kampagne deutlich.[3] Mit Blick auf die beanstandeten Präparate stellt sie fest: „Einige der Produkte werden bei uns im öffentlichen Sektor schon gar nicht mehr zur Behandlung eingesetzt. Melphalan z.B., das zur Therapie von Myelom-PatientInnen benötigt wird, wurde über das staatliche Ausschreibungsverfahren für 2020-2022 nicht erworben. Angeblich aufgrund von Produktionsengpässen des Herstellers.“ Meyer vermutet jedoch einen anderen Grund: „Es kann durchaus sein, dass dies eher mit der EU-Untersuchung zusammenhing, als mit tatsächlichen Problemen in der Fabrikation.“

In Südafrika nimmt die Anzahl an Krebserkrankungen deutlich zu. 2018 starben daran laut Weltgesundheitsorganisation über 57.000 Menschen.[4] Die Versorgungslage mit den notwendigen Medikamenten ist schlecht. Hohe Preise und Patente spielen dabei eine elementare Rolle, so die Cancer Alliance. Die zivilgesellschaftliche Organisation hat in den letzten Jahren die Zugangshürden bei vielen Krebsmedikamenten analysiert.[5]

EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager sagte zum Beschluss gegen Aspen, er sei „eine klare Botschaft an andere marktbeherrschende Pharmaunternehmen, keine missbräuchlichen Preisbildungspraktiken anzuwenden, mit denen unsere Gesundheitssysteme ausgenutzt werden.“[6] Es wäre allerdings wünschenswert, wenn die EU dabei auch Hersteller aus der eigenen Wirtschaftsregion und deren Vermarktungspraktiken in armen Ländern ins Auge fassen würde.  (MK)

 

Projekt „Unbezahlbar krank?“: Mit ihrem Projekt macht die Pharma-Kampagne auf die schlechte Verfügbarkeit von Krebsmedikamenten aufmerksam – gerade in Ländern des globalen Südens. Im April wird ein Pharma-Brief Spezial zum Thema erscheinen. Er soll die Unterversorgung in Südafrika, Tansania, Äthiopien, Ecuador und Indien beleuchten. Dazu steht die Pharma-Kampagne in engem Austausch mit ExpertInnen vor Ort.

 

Artikel aus dem Pharma-Brief 2/2021, S.7

[1]DAZ (2021) Aspen senkt Preise für sechs Krebsarzneimittel. www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2021/02/10/aspen-senkt-preise-fuer-sechs-krebsarzneimittel [Zugriff 12.02.2021]

[2] Chemiereport (2021) Aspen muss Preise massiv senken. www.chemiereport.at/aspen-muss-preise-massiv-senken. [Zugriff 12.02.2021]

[3]Gespräch mit Salomé Meyer am 11.02.2021

[4]WHO (2020) Cancer Country Profile 2020: South Africa. www.who.int/cancer/country-profiles/ZAF_2020.pdf?ua=1 [Zugriff 12.02.2021]

[5]Cancer Alliance (2018) Exploring patent barriers to cancer treatment access in South Africa: 24 medicine case studies. https://canceralliance.co.za/wp-content/uploads/2019/08/Exploring-Patent-Barriers-to-Cancer-Treatment-Access-in-SA-24-Medicine-Case-Studies-October-2017-update-January-2018.pdf [Zugriff 12.02.2021]

[6]Europäische Kommission (2021) Kartellrecht: Kommission akzeptiert Verpflichtungszusagen von Aspen gegen exzessiv hohe Preise für patentfreie Krebsmittel. https://ec.europa.eu/germany/news/20210210-kartellrecht-aspen_de [Zugriff 12.02.2021]

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