Antivenome: Silberstreif am Horizont?
15. Dezember 2025
Produktion und Erforschung von Antivenomen für die Versorgung von Menschen mit Schlangenbissvergiftungen sind notorisch unterfinanziert. Allerdings lassen sich bei näherem Hinsehen einige positive Dynamiken entdecken.
Vergiftungen durch Schlangenbisse sind in vielen Teilen des Globalen Südens ein alltägliches Risiko für die Bevölkerung, oft mit dramatischen Folgen.1 Dennoch fallen sie als Global Health-Thema regelmäßig durch das Raster. Sie stellen als einzige der vernachlässigten Tropenkrankheiten (NTDs) keine Infektionskrankheit dar, werden gemeinhin nicht als Zoonose eingestuft. Betroffene Länder können ihre Hoffnung zudem nicht auf Impfstoffe oder Ausrottung setzen. Es ist bezeichnend, dass man dieses Gesundheitsproblem als bislang einzige NTD von der WHO NTD-Liste beförderte, aber nur wenige Jahre später durch konzentrierte Advocacy-Arbeit wieder aufnahm.2 Forschende wie Prof. Dr. Abdulrazaq Habib klagen: „Es ist keine High-Profile-Krankheit. Die Opfer haben keine Stimme.“3 Auch deshalb hat die BUKO Pharma-Kampagne daran gearbeitet, dem Thema in den letzten Jahren mehr Öffentlichkeit zu verschaffen.
Die drei As
In dem Ende 2025 auslaufenden Bildungsprojekt zu vernachlässigten Tropenkrankheiten griffen wir Schlangenbissvergiftungen in Podcast, Print und bundesweiter Vortragsreihe auf. Zuletzt thematisierten wir sie im Rahmen eines parlamentarischen Events zur deutschen Rolle in der globalen NTD-Bekämpfung am 11. November. Schirmherrin aus dem Bundestag war dafür die Abgeordnete Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Obfrau von Bündnis 90/Die Grünen im Gesundheitsausschuss. Als Speaker*innen hatte die Pharma-Kampagne Dr. Helena Fehling vom Bernhard-Nocht-Institut (BNITM) zum Schwerpunkt Leishmaniose eingeladen sowie Prof. Dr. John Amuasi zum Thema Schlangenbisse. Amuasi ist in vielen Funktionen forschend tätig, unter anderem an der Kwame Nkrumah University of Science and Technology im ghanaischen Kumasi. In seinem Vortrag und der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass adäquate Antivenome zwar nur ein Element in dem One Health-Kontext giftiger Schlangenbisse darstellen, aber eben ein ganz elementares. Sie sind die einzige spezifische Therapieoption, doch zeigen sich bei ihnen, so Amuasi, vielerorts Unzulänglichkeiten bei den „drei As“: „Availability, Accessability, Affordability“ – Verfügbarkeit, Zugänglichkeit und Erschwinglichkeit.
Leise Hoffnung mit Fragezeichen
Als ein Mittel, um die „drei As“ positiv zu beeinflussen, sehen viele Expert*innen die regionale Produktionsstärkung, vor allem auf dem von Indien abhängigen afrikanischen Kontinent.4 Wie Amuasi in seiner Präsentation darlegte, gibt es aber Bewegung, Ghana und Kenia haben beispielsweise erste Schritte auf dem Weg zur Eigenherstellung gemacht. Ersteres auch durch deutsche Unterstützung für den dortigen Pharma-Sektor. In Eswatini und Nigeria gibt es ebenfalls verschiedene Bemühungen in Sachen Selbstversorgung, zudem konnte in Südafrika bereits bestehende Produktion wieder hochgefahren werden.5
So wichtig klassische Antivenome sind, haben sie auch gravierende Kehrseiten, etwa bei der Verträglichkeit.6 Glücklicherweise hat die Forschung zur Verbesserung der Produkte und zu zukünftigen Alternativen etwas Rückendwind erhalten Ausgehend von äußerst niedrigem Niveau wuchs die Forschungsfinanzierung in den letzten Jahren an, die Referenzpublikation G-Finder weist für das letztverfügbare Jahr 2023 einen Umfang von 31 Millionen US$ aus.7 In Zeiten massiver Budgetkürzungen stellt sich aber die Frage, ob dieser Schub Bestand haben wird. So scheint nach jetzigem Stand etwa noch unklar, ob das bis 2026 geplante Engagement des Wellcome Trust ausläuft, einem der weltgrößten philanthropischen Geldgeber für Gesundheitsforschung.
Theorie und Praxis
Die Herausforderungen in der Forschung sind vielfältig, oft ist die Lücke zwischen Theorie im Labor und Praxis in endemischen Gebieten noch riesig. Dennoch lohnt es sich, ein wenig der Zukunftsmusik in dem Feld zu lauschen. Größere mediale Aufmerksamkeit erhielt zuletzt erneut ein Projekt aus Dänemark, dort gibt es übrigens nur eine einzige Giftschlangenart, die Kreuzotter. An der DTU in Lyngby wird zu Antivenomen aus sogenannten Nanokörpern geforscht, kleinen synthetisch hergestellten Antikörpern, die ihren Ursprung in diesem Fall wiederum in Lamas und Alpakas haben.8 Einer von mehreren möglichen Vorteilen des verfolgten Ansatzes ist breitere Wirksamkeit des Produkts, die jüngsten Versuche bezogen sich auf Giftnattern, darunter verschiedene Kobras.9 Dr. Benno Kreuels, Leiter der AG Vernachlässigte Krankheiten und Vergiftungen am BNITM, sieht positive Seiten dieser Arbeit, etwa beim verringerten Allergiepotenzial, bremst aber auch Erwartungen – der Ansatz arbeite „immer noch im Mausmodell.“10 (MK)
- Pharma-Brief (2024) Von wegen exotisch. Vernachlässigte Tropenkrankheiten im Fokus. Spezial Nr. 1 ↩︎
- Bhaumik S et al. (2023) How and why snakebite became a global health priority: a policy analysis. BMJ Global Health; 8 [Zugriff 17.11.2025] ↩︎
- De Marco S (2025) Snakebite antivenom step into the future. [Zugriff 17.11.2025] ↩︎
- Pharma-Brief (2025) Dengue ante portas. Impulse für die deutsche Politik zu vernachlässigten Tropenkrankheiten (NTDs) – ein Leitfaden. Spezial Nr. 1 ↩︎
- Daniels K (2025) Snake anti-venom production resumes in South Africa. Tygerburger, 14 Nov [Zugriff 17.11.2025] ↩︎
- Ralph T et al. (2022) Managing snakebite. BMJ ↩︎
- Policy Cures Research (2025) G-Finder 2024. Smart Decisions. [Zugriff 17.11.2025] ↩︎
- Willyard C (2024) Next-generation snakebite therapies could reduce death toll. Nature. ↩︎
- Laustsen AH et al. (2025) Nanobody-based recombinant antivenom for cobra, mamba and rinkhals bites. Nature. ↩︎
- Siebenand S (2025) Nanobodies gegen das Gift von Kobras und Mambas. PZ, 30. Okt [Zugriff 17.11.2025] ↩︎