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Produktion nach öffentlichem Bedarf

Was der Pharmamarkt nicht anbietet, stellt in Schweden ein staatliches Unternehmen her. Es versorgt Patient*innen mit wichtigen Arzneimitteln und übernahm 2025 sogar eine Penicillinfabrik.

Apotek Produktion & Laboratorier AB (APL) ging aus dem öffentlichen Apothekenwesen hervor, denn von 1970 bis 2009 gehörten alle schwedischen Apotheken zum Staatsunternehmen Apoteket AB.1 In jener Zeit stellten die einzelnen Apotheken individuell angepasste Arzneimittel (Rezepturarzneimittel) anfangs noch selbst her. Ab den 1980er-Jahren bündelte Apoteket AB diese Aufgabe in zentralen Produktionsbetrieben.2 Aus jenen Herstellungsstätten entstand APL. 2009 öffnete Schweden allerdings den Markt für private Anbieter und verkaufte die Mehrheit seiner Apotheken.3 Die zentralisierte Herstellung individuell angepasster Arzneimittel blieb jedoch in öffentlicher Hand: 2010 wurde APL aus Apoteket AB herausgelöst und produziert seitdem als eigenständiges Staatsunternehmen.2

Arzneimittel nach Bedarf

APL füllt die Lücke, wenn zugelassene Präparate den Bedarf der Patient*innen nicht decken – etwa weil die passende Wirkstärke oder Darreichungsform fehlt.4 Sie werden entweder individuell für einzelne Patient*innen angefertigt oder bei regelmäßigem Bedarf in größeren Chargen vorproduziert. Insgesamt gibt APL an, rund 2.000 verschiedene Rezepturen anzubieten.5 Der öffentliche Auftrag von APL reicht aber inzwischen über die Versorgung einzelner Patient*innen hinaus. 2023 wurde das Unternehmen damit beauftragt, die Produktion auch in Krisenzeiten und in Situationen des nationalen Notstandes sicherzustellen.6 Es produziert das Antibiotikum Isoniazid gegen Tuberkulose als Trinklösung für Kinder, verarbeitet Bevacizumab zu einem Nasenspray für Menschen mit Morbus Osler7 und stellt Morphin-Infusionslösungen für die kontinuierliche Schmerzbehandlung in der häuslichen Palliativversorgung her.8

Wie wichtig diese Kapazitäten sind, zeigte sich 2022 bei einem Lieferengpass eines Arzneimittels mit dem Wirkstoff Alteplase, der unter anderem zur Akutbehandlung von Schlaganfällen eingesetzt wird. Eine nationale Koordinierungsstelle erkundigte sich bei APL, ob das fehlende Präparat durch eine eigene Herstellung ersetzt werden könne. Ab Juli 2022 produzierte APL daraufhin ein entsprechendes Arzneimittel. Dieselbe Koordinierungsstelle verteilte die verfügbaren Dosen anschließend nach dem ermittelten Bedarf auf die schwedischen Regionen.9 Apropos Verteilung: APL liefert individuell hergestellte Arzneimittel an alle Apotheken im ambulanten Versorgungsmarkt sowie an die stationäre Versorgung zu gleichen und diskriminierungsfreien Bedingungen. APL produziert und verteilt aber nicht nur, sondern entwickelt auch neue Rezepturen und Herstellungsverfahren.

Die Preise der APL-Präparate sind in das schwedische System öffentlicher Regulierung und Erstattung eingebunden. Diese Präparate fallen unter die Zuzahlungsregel, die die Ausgaben der Patient*innen begrenzt.10

Penicillin-Versorgung als Nagelprobe

Eine Studie aus dem Jahr 2025 untersuchte am Beispiel Schwedens, warum die globalen Lieferketten generischer Antibiotika so störanfällig sind und mit welchen politischen Maßnahmen sie stabilisiert werden könnten. Sie stellte fest: „Mehr als drei Viertel [der untersuchten Lieferketten] weisen ein erhebliches Engpassrisiko auf.“11 Ein Antibiotikaengpass liegt nach Definition der Swedish Medical Products Agency vor, wenn ein Zulassungsinhaber die Nachfrage nach einem Antibiotikum auf nationaler Ebene nicht ausreichend bedienen kann.12 Zwischen 2018 und 2024 registrierte die schwedische Arzneimittelbehörde 337 Antibiotikaengpässe. Als kleiner Markt mit vergleichsweise niedrigem Verbrauch wird Schweden von großen internationalen Anbietern zudem wenig priorisiert.

2025 kaufte APL dem privaten Unternehmen Meribel Pharma Solutions eine Penicillinfabrik in Strängnäs ab. Penicilline gehören zu den wichtigsten Antibiotika und werden gegen zahlreiche bakterielle Infektionen eingesetzt.13 Für das Geschäft stellte das schwedische Parlament rund 64 Millionen Euro bereit.6

Probleme bei Lieferketten bleiben

Der Kauf der Penicillinfabrik stärkt zwar Schwedens eigene Produktionskapazitäten, macht das Land aber nicht unabhängig von globalen Lieferketten. Denn auch die APL-Fabriken benötigen zum Beispiel Wirkstoffe und weitere Vorprodukte. Woher sie diese beziehen, lässt sich nicht nachvollziehen.

Wie international die schwedische Antibiotikaversorgung verflochten ist, zeigt eine Auswertung der Universität Uppsala. Die Forschenden untersuchten vertrauliche Zulassungsdaten der schwedischen Arzneimittelbehörde zu 204 Antibiotikapräparaten mit 25 ausgewählten Wirkstoffen, die zwischen 2013 und 2019 in Schweden verkauft wurden. Bei 27 % der Präparate waren ausschließlich europäische Wirkstoffhersteller zugelassen, bei weiteren 31 % Hersteller innerhalb und außerhalb Europas, bei 40 % ausschließlich Hersteller in China, Indien oder anderen außereuropäischen Ländern und bei den verbleibenden 2 % Hersteller in den USA beziehungsweise in den USA und weiteren Ländern.

Die Angaben beziehen sich nicht auf Produktions- oder Liefermengen, sondern auf die für jedes Präparat registrierten Wirkstoffhersteller. Bei mehreren Wirkstoffherstellern bleibt offen, von welchem Hersteller der Wirkstoff tatsächlich bezogen wurde: Auch die Herkunft der verwendeten Rohstoffe und Zwischen-produkte bleibt unbekannt.14, 15

Es zeigt sich: der Fabrikkauf stärkt die heimische Herstellung, beseitigt Schwedens Abhängigkeit von internationalen Lieferanten aber nicht.

Öffentlich – und auch kommerziell

APL steht in der Tradition eines Wohlfahrtsstaats, in dem öffentliche Versorgung lange als gemeinsame Aufgabe verstanden wurde. Doch auch Schweden hat immer mehr Bereiche für Wettbewerb und private Anbieter geöffnet.16 Und neben seinem öffentlichen Auftrag entwickelt und produziert APL ebenso im Auftrag privater Pharma- und Biotechnologieunternehmen. Lukrativ soll die Arbeit also sein: Als eigenes Ziel nennt APL, ein „wettbewerbsfähiger und profitabler Anbieter“17 zu sein. Auch die Anlage in Strängnäs dient der Auftragsproduktion von Arzneimitteln. (EF)


  1. Westerlund T, Marklund B (2020) Community pharmacy and primary health care in Sweden – at a crossroads. Pharmacy Practice; 18, p 1927 ↩︎
  2. Apotek Produktion & Laboratorier (o. J.) Our history. [Zugriff 19.8.2026] ↩︎
  3. Wisell K et al. (2016) Stakeholders’ expectations and perceived effects of the pharmacy ownership liberalization reform in Sweden: a qualitative interview study. BMC Health Services Research; 16, p 379 ↩︎
  4. Government Offices of Sweden (2022) Annual report for state-owned enterprises 2021. Stockholm, p 46. [Zugriff 19.8.2026] ↩︎
  5. Apotek Produktion & Laboratorier (o. J.) About APL. [Zugriff 19.8.2026] ↩︎
  6. Government Offices of Sweden (2025) Extra ändringsbudget för 2025 – Kapitaltillskott till Apotek Produktion & Laboratorier AB. Prop. 2024/25:185. Stockholm. [Zugriff 19.8.2026] ↩︎
  7. Seltene, vererbte Erkrankung, die zu krankhaften Erweiterungen der Blutgefäße und zu Blutungen führt. ↩︎
  8. Apotek Produktion, Laboratorier (o. J.) When the pharmaceutical directory is not sufficient. [Zugriff 19.8.2026] ↩︎
  9. Government Offices of Sweden (2026) Stärkt läkemedelsförsörjning i samverkan. Statens offentliga utredningar, SOU 2026:22. Stockholm. [Zugriff 19.8.2026] ↩︎
  10. Ludvigsson JF et al. (2025) The healthcare system in Sweden. European Journal of Epidemiology; 40, p 563 ↩︎
  11. Baraldi E et al. (2025) Value chain disruptions: policy responses to antibiotic shortages in global value chains. Journal of International Business Policy; 8, p 224 ↩︎
  12. In Anlehnung an die Swedish Medical Products Agency ist ein Antibiotikaengpass eine Situation, in der der Zulassungsinhaber die Nachfrage nach einem Produkt auf nationaler Ebene nicht decken kann. ↩︎
  13. Apotek Produktion & Laboratorier (2025) APL closes the acquisition of a manufacturing facility in Strängnäs. Pressemitteilung 21 Aug. [Zugriff 19.8.2026] ↩︎
  14. Årdal C (2024) Market stimulation needed for predictable supply of antibiotics with vulnerable supply chains in Europe. In: Piddock L et al. (eds) GARDP Antimicrobial Viewpoints. Geneva: Global Antibiotic Research & Development Partnership. [Zugriff 19.8.2026] ↩︎
  15. Helsedirektoratet (2022) Mulighetsstudie for antibiotikaproduksjon. Oslo, 30 Mar 2022, p 26 [Zugriff 19.8.2026] ↩︎
  16. Innset O, Rudberg EÅ (2024) Varieties of Marketization: Introducing a new Framework for the Study of Market Reforms in Nordic Welfare States. Nordic Welfare Research; 9, p 11 ↩︎
  17. Apotek Produktion & Laboratorier (o. J.) About APL. [Zugriff 19.8.2026] ↩︎

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