Pharmapolitik neu denken
28. September 2026
Warum Europa ein eigenes Salk-Institut braucht
Das Europäische Salk Institut ist die Vision einer öffentlichen Alternative zur profitorientierten Pharmaindustrie. Es soll dringend benötigte Medikamente entwickeln, produzieren und zu fairen Preisen bereitstellen.

Tim Joye ist Präsident von Médecine pour le Peuple (MPLP), einem Netzwerk von 11 multidisziplinären, medizinischen Zentren in Belgien. Er arbeitet als Allgemeinmediziner an der Klinik in Hoboken (Antwerpen) und koordiniert dort die Forschungsabteilung, wo er die Vision eines Europäischen Salk Instituts mitentwickelte.
Tim Joye, könntest du das Konzept eines Europäischen Salk Institutes beschreiben? Wie soll es aufgebaut sein und funktionieren?
Für Jonas Salk, nach dem die Idee benannt ist, kam die Patentierung seiner Impfung gegen Kinderlähmung dem Versuch gleich, die Sonne zu patentieren. Man kann etwas so lebenswichtiges nicht im Namen des Profites hinter verschlossenen Türen halten. Medikamente sind kein Luxusgut, jeder hat das Recht auf Gesundheit.
Das Salk Institut sollte die Fähigkeit haben, Arzneimittel zu entwickeln, zu produzieren und zu verteilen, ohne Profitinteressen, die den privaten Markt so korrumpiert haben. Es handelt sich um einen vollständigen Bruch mit den derzeitigen Rahmenbedingungen, da das Institut versucht, den Markt neu zu ordnen. Zweifellos ein ehrgeiziger Plan.
Was sind die grundlegenden Ziele des Instituts?
Wir sprechen von drei separaten Zielen. Erstens, innovative Medikamente zu entwickeln, die den Bedürfnissen der Bevölkerung gerecht werden. Das können neue Antibiotika oder erschwingliche Krebsmedikamente sein. Dies bedeutet, den gesamten Forschungs- und Entwicklungszyklus zu finanzieren, während man gleichzeitig einen gemeinsamen und transparenten Wissenspool schafft. Zweitens werden Produktionsstätten gebraucht, welche den höchsten Standards für Arbeitsbedingungen und Umweltfreundlichkeit entsprechen, während faire Preise für die Patient*innen und europäische Sozialversicherungssysteme garantiert werden. Und drittens, die gemeinsame Beschaffung von Medikamenten, die durch private Partner produziert werden. Hier kann durch Ausschreibungen sichergestellt werden, dass dieselben Prinzipien eingehalten werden.
Was ist denn falsch daran, wie pharmazeutische Forschungsprioritäten heute ausgerichtet sind?
Heute ist das ausschlaggebende Kriterium die Profitmaximierung. Wir wissen, dass die Forschung durch dieses Mindset von ihrem Weg abgekommen ist. Von Pandemien, die wir bereits auf dem Weg wissen, hin zu Armutskrankheiten – die Vernachlässigung dieser Probleme durch die Pharmaindustrie ist erschreckend. Auf der anderen Seite werden Millionen in Marketing und Medikamente investiert, die nicht die Lebensqualität verbessern, aber patentiert und monopolisiert werden können, wenn sie minimale Wirkungen in klinischen Versuchen zeigen. Damit werden dann Milliardenprofite erzielt. Public Health muss das Leitprinzip hinter Forschungsagenden sein. Diese Kriterien müssen nicht von Grund auf neu erfunden werden und die Herausforderungen, die auf unsere Gesellschaft zukommen, sind bekannt: das Altern, antimikrobielle Resistenz, Zugang zu erschwinglichen Krebsmedikamenten…
Wie kann man in diesem Kontext dem ,,Insulinproblem” begegnen – das heißt, wie können wir verhindern, dass private Unternehmen öffentlich gewonnenes Wissen privatisieren und für Profite nutzen?
Das „Insulinproblem“ zeigt, weshalb wir ehrgeizig mit dem Ziel des Salk Instituts sein müssen. Als Insulin entdeckt wurde, wurde es mit einer freien Lizenz patentiert, welche gerechten Zugang ermöglichte. Die Patentierung von beispielsweise Insulin-Pens und Herstellungsmethoden durch private Firmen verwandelte diese lebensrettende Entdeckung in eine Milliarden-Dollar-Profitmaschine. Unser Ziel ist es, die Bezahlbarkeit und Verfügbarkeit von Medikamenten zu gewährleisten. Das schließt den Aufbau eines gemeinsamen Wissenspools ein, während dieser gleichzeitig vor der Monopolisierung durch Privatunternehmen geschützt wird. So lange es Patente und Privatunternehmen gibt, welche zu Monopolen führen, wird das Salk Institut mit diesen im Wettbewerb stehen, weshalb es entscheidend ist, Ziele für Forschung und Entwicklung ehrgeizig zu formulieren.
Deshalb benötigen wir auch einen flexiblen Umgang mit geistigem Eigentum. Sämtliche Daten oder Technologien müssen in vollem Umfang über die „Knowledge Hub“ des Instituts zugänglich sein. Auf der einen Seite ermöglicht eine freie Lizenzierung dann, die Produktionslizenzen an Firmen zu vergeben, welche die Bezahlbarkeit des Endproduktes garantieren, so wie es zu Beginn bei Insulin der Fall war. Auf der anderen Seite wird gemeinsame Beschaffung für Gesamteuropa gewährleisten, dass nur nützliche Innovationen gefördert werden. Wir können uns gegen den Kauf einer patentierten Version von Insulin entscheiden, wenn es keine Gesundheitsvorteile gegenüber dem Generikum bietet.
Blicken wir aufs Geld: welches Maß an Finanzierung würde ein solches Projekt benötigen, und woher könnte diese kommen?
In einem 2024 veröffentlichten Artikel,1 haben wir versucht zu kalkulieren, wie ein jährliches Budget aussehen könnte, mit dem das Institut den Markt entscheidend prägen würde. Mit dem NIH als Referenzpunkt, hätte ein europäisches Gegenstück ein jährliches Budget von etwa 25 bis 30 Milliarden €, wovon 10 % in die hauseigene Forschung und der Rest in externe Forschungsförderung gehen könnte. Wir verdanken unsere Analyse zu großen Teilen Massimo Florio,2 der Experte auf diesem Gebiet ist. Er schätzte, dass ein jährliches Budget zwischen 3,5 und 7 Milliarden € für ein Forschungsportfolio ausreichen würde, das über 20 Jahre 80 bis 150 innovative Projekte sichern kann. Wir streben eine Organisation an, die den Markt grundlegend transformiert, und nicht nur seine Fehler korrigiert. Es ist klar, dass dies einiges an Ehrgeiz erfordern wird. Ebenso klar ist, dass diese Ressourcen existieren; wir geben bereits Milliarden aus, sowohl für Forschung und Entwicklung als auch für Beschaffung.
Die Medikamentenbudgets in der Europäischen Union sind enorm und sie wachsen. Das Problem ist, dass sehr große Teile dieses Geldes in die Taschen von Shareholdern wandern, oder am Aktienmarkt verpuffen. So werden Milliarden Euro an Steuergeldern für Grundlagenforschung ausgegeben, die später von privaten Unternehmen patentiert wird. Gleichzeitig ermöglichen diese Patente es den Unternehmen, exorbitante Preise in Rechnung zu stellen, die aus der Tasche der Steuerzahler*innen kommen. Die Bevölkerung wird doppelt betrogen! Ganz zu schweigen von den Milliarden an Steuererleichterungen und Begünstigungen, welche sämtliche finanziellen Risiken der Pharmaindustrie abfedern. All dies sind Ressourcen, die für ein Europa eingesetzt werden können, das Gesundheit über Profite stellt.
Manche könnten das Projekt überambitioniert oder sogar etwas naiv finden. Gleichzeitig deutet die Public Pharma for Europe-Koalition3 auf wachsenden Zuspruch in Europa hin. Unter welchen Bedingungen können öffentliche Pharmainitiativen in Europa etabliert werden, und auf welche Herausforderungen würden diese stoßen?
Die Public Pharma-Koalition ist tatsächlich eine Quelle der Hoffnung geworden, die viele einflussreiche Expert*innen und Organisationen vereint, die unsere Vision einer pharmazeutischen Industrie teilen, die den Menschen dient, und nicht dem Shareholder. Unsere Alternative ist ein starker institutioneller Player, der mit den Oligopolen im Sektor mithalten kann. Das ist das Gegennarrativ, das wir aufbauen. Solch ein selbstbewusstes Projekt braucht breite öffentliche Unterstützung, um existieren zu können. Das Schöne daran ist, dass Initiativen in jedem einzelnen der genannten Bereiche den Weg zu diesem größeren Projekt ebnen können. Beispiele für öffentliche Produktion oder freie Lizenzierung existieren bereits. Die Drugs for Neglected Disesases initiative (DNDi) ist wohlbekannt. In Belgien gibt es mehrere Forschungsgruppen, die medizinische Imaging-Software unter Open-Source-Lizenz bereitstellen. In Italien und Spanien gibt es Non-Profits, welche die Produktion von Gentherapien gestemmt haben, nachdem die Industrie beschlossen hatte, dass diese „wirtschaftlich nicht tragfähig“ seien. Diese Bottom-Up-Initiativen können helfen, Schwung in die Entstehung des Salk Instituts zu bringen.
Die wichtigste Bedingung, um unser Ziel zu erreichen, ist eine breite Allianz von Organisationen, die verstehen, dass es keine Option ist, unsere Gesundheit den Shareholdern zu überlassen. Und ich glaube, dies ist auch die größte Herausforderung, der wir jetzt gegenüberstehen, um eine solche Allianz aufzubauen. Wir müssen Patient*innen, Forschende und Arbeiter*innen in der pharmazeutischen Industrie und der Gesundheitsversorgung zusammenbringen, um Vertrauen zu schaffen – Vertrauen, dass die öffentliche Alternative realistisch und notwendig ist.
Vielen Dank für das Gespräch! (EF & MK)
- De Ceukelaire W, Joye T (2024) A European Salk Institute Could Ensure Accessible and Affordable Medicines. International Journal of Social Determinants of Health and Health Services, 54, p 183 ↩︎
- Professor für öffentliche Wirtschaftswissenschaften an der Universität Mailand und Experte für öffentliche Investitionen, Forschungsinfrastrukturen und Politik im Bereich der pharmazeutischen Forschung und Entwicklung. ↩︎
- Public Pharma for Europe (o. J.) Public Pharma for Europe. [Zugriff 2.9.2026] ↩︎