Public Pharma für eine gerechtere Versorgung
28. September 2026
Hohe Preise, wiederkehrende Lieferengpässe und Forschung, die sich auf hochlukrative Felder konzentriert, prägen das heutige Arzneimittelsystem. Um den weltweiten Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten, Impfstoffen und Tests nachhaltig zu ermöglichen, braucht es einen grundlegenden Kurswechsel.
Welche Arzneimittel erforscht und produziert werden, richtet sich stärker nach Gewinninteressen als nach dem globalen gesellschaftlichen Bedarf. Das gegenwärtige Patentwesen treibt dabei die Preise in die Höhe und erschwert Millionen Menschen – insbesondere im Globalen Süden – den Zugang zu lebenswichtigen Produkten. Auch in reicheren Ländern stoßen Gesundheitssysteme durch steigende finanzielle Belastung längst an ihre Grenzen. Das Menschenrecht auf Gesundheit ist weltweit in akuter Gefahr.
Um die aktuellen, vielfältigen Probleme nachhaltig anzugehen, ist ein struktureller Ansatz erforderlich. Daher hat sich rund um den Begriff „Public Pharma“1 eine globale Bewegung für eine öffentliche Pharmaindustrie gebildet. Im Kern geht es darum, Forschung, Produktion und Zugang in Bezug auf Arzneimittel am tatsächlichen, öffentlichen Interesse auszurichten. Zur Bewegung gehören Patientenvertreter*innen, Wissenschaftler*innen und zunehmend auch Amtsträger*innen.1
In der wissenschaftlichen Literatur wird Public Pharma beschrieben als „[…] die Entwicklung, Herstellung und der Vertrieb von Arzneimitteln und biologischen Produkten durch den öffentlichen Sektor anstelle privater Unternehmen“2. Initiativen in dem Bereich betonen auch den „Aufbau von Infrastrukturen, politischen Maßnahmen und Steuerungsmechanismen“.1
Für die konkrete Ausgestaltung von Public Pharma existieren in der Debatte verschiedene Herangehensweisen und Ideen. Perspektiven unterscheiden sich insbesondere darin, wie weitreichend angestrebte Veränderungen sein sollen oder sogar müssen. Einige Konzepte setzen auf eine vollständige Übernahme von Arzneimittelforschung, -produktion und -verteilung durch die öffentliche Hand. Andere schlagen primär schrittweise Reformen vor oder wollen bestehende politische Handlungsspielräume konsequenter nutzen. Zumeist wird allerdings davon ausgegangen, dass der Ausbau öffentlicher Produktionskapazitäten allein nicht ausreicht. Erst durch regulatorische Maßnahmen, die das Arzneimittelsystem am öffentlichen Interesse ausrichten, kann die ungesunde Kommerzialisierung und Privatisierung der globalen Versorgung nachhaltig reduziert werden.3 Ein Beispiel für eine solche regulatorische Maßnahme wäre, die öffentliche Förderung der Arzneimittelforschung an bestimmte Bedingungen zu knüpfen, etwa an die Verpflichtung, daraus hervorgehende Medikamente zu erschwinglichen Preisen anzubieten. Dies könnte gleichzeitig eine öffentliche Beteiligung an Entscheidungen ermöglichen, etwa zu Forschungsprioritäten, sowie bessere Arbeitsbedingungen für Gesundheitsfachkräfte.4
Die Überlegungen zu Public Pharma beginnen nicht bei Null. Schon heute leisten zum Beispiel öffentliche Forschung und Forschungsfinanzierung einen elementaren Beitrag zur Entwicklung der meisten pharmazeutischen Innovationen. Und dass öffentliche Arzneimittelproduktion erfolgreich sein kann, zeigen bereits Beispiele aus Asien, Europa und Lateinamerika.5
Die vorliegende Publikation gibt einen Überblick zum Zukunftsthema Public Pharma und vertieft einzelne Aspekte anhand anschaulicher Fallbeispiele. Sie analysiert, warum das gegenwärtige Arzneimittelsystem grundlegende Reformen benötigt und stellt Ansätze vor, die bereits heute zu einer am öffentlichen Interesse orientierten Versorgung beitragen. (EF)
- Brown D (2026) A Public Option for Pharmaceutical R&D. [Zugriff 30.7.2026] ↩︎
- Kumar S (2026) Formulating public pharma. Cornell Law Review; 110, p 1369 ↩︎
- Ringger B (2024) Arzneimittelkrise: SP fordert Public-Pharma-Strategie. Schlussdokumentation. SP Schweiz. ↩︎
- Public Pharma for Europe (o. J.) https://publicpharmaforeurope.org/about-us/ [Zugriff 8.8.2026] ↩︎
- Quigley F (2019) Removing the profit from our pills: The case for a public pharma system. Common Dreams. 18 Sep [Zugriff 8.8.2026] ↩︎