
NCDs: Eine globale Gesundheitsgefahr
21. Juli 2025
Einst Problem der Industrieländer, heute Ausmaße ähnlich einer Pandemie
Nicht übertragbare Krankheiten (NCDs) sind weltweit die Todesursache Nummer 1. Sie reichen von Asthma bis Adipositas, ihre Ursachen von Luftverschmutzung bis Lebensstil. Menschen aller Altersgruppen sind betroffen und die Krankheitslast nimmt weiter zu.
NCDs stellen eine breite Gruppe an Krankheiten dar, die – wie ihr Name schon vermuten lässt – nicht von Mensch zu Mensch übertragen werden, also nicht durch Infektionen entstehen.1 Jährlich sterben an ihnen rund 43 Millionen Menschen, was drei Viertel der gesamten Todesfälle weltweit entspricht. Für die überwiegende Mehrheit verantwortlich sind dabei Herz-Kreislauf-Erkrankungen (19 Millionen Todesfälle), Krebs (10 Millionen), chronische Atemwegserkrankungen (4 Millionen) und Diabetes (2 Millionen).2 Daneben zählen zu den NCDs noch viele andere, weitverbreitete Krankheiten, die teils zwar seltener zum Tod führen, doch für die Betroffenen oft Schmerz, Leid und Einschränkungen der Lebensqualität bedeuten. Dies sind u.a. psychische Erkrankungen (z.B. Depression) sowie Suchterkrankungen (z.B. Alkoholabhängigkeit), chronische Nierenerkrankungen und Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems (z.B. Rückenschmerzen oder Osteoporose).

NCDs: Problemlage im Globalen Süden
Lange galten NCDs vorrangig als Problem von Industrieländern wie Deutschland. Und tatsächlich sind NCDs hierzulande Ursache für etwa 90% aller Todesfälle.4 Doch aufgrund der globalen Bevölkerungsverteilung und Entwicklungen treten heute knapp drei Viertel aller NCD-Todesfälle im Globalen Süden auf.1 So tragen ärmere Länder eine „doppelte Bürde“, denn neben NCDs sind dort Infektionskrankheiten weitverbreitet,5,6z.B. die vernachlässigten Tropenkrankheiten.7,8
Besonders hervorzuheben sind die weltweit jährlich 15 Millionen Todesfälle von Menschen unter 70 Jahren, die durch NCDs verursacht werden. Auch hierbei ereignen sich mit über 80% die meisten dieser sogenannten vorzeitigen Todesfälle im Globalen Süden.2 Daneben stieg der Anteil von NCDs an der weltweiten Krankheitslast seit den 1990er Jahren bedeutsam an, besonders bei Diabetes und chronischen Nierenerkrankungen.9,10
NCDs werden oft auch als chronische Erkrankungen bezeichnet – was in den meisten Fällen zutreffend ist. Erkrankt man beispielsweise an Typ-1-Diabetes, so ist man sein Leben lang auf Insulin als Medikament angewiesen. Dies ist in vielen Ländern für die Patient*innen mit hohen, selbst zu übernehmenden Kosten verbunden. Menschen in Armut können sich das jedoch oft nicht leisten. Und so könnten diese finanziellen Belastungen bei anhaltender Zunahme von NCDs wichtige Erfolge der Armutsbekämpfung zunichtemachen.2 Ein Grund mehr, chronischen Erkrankungen im besten Fall zuvorzukommen, sodass sie gar nicht oder erst im späteren Lebensverlauf eintreten.
NCDs: Ursachen und Prävention
Die Ursachen für NCDs sind komplex. Sie hängen oft mit Lebensbedingungen, individuellem Verhalten und globalen Faktoren zusammen. Hauptrisikofaktoren von NCDs sind Tabak- und Alkoholkonsum, Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung und Luftverschmutzung. Sogenannte soziale, kommerzielle und umweltbezogene Determinanten spielen dabei eine wichtige Rolle, wie z.B. das Einkommen, aggressive Werbestrategien für Fast Food und die Klimakrise. In der Folge ergeben sich körperliche Risikofaktoren, die dann wiederum zu verschiedenen NCDs führen können: erhöhter Blutdruck, Übergewicht, erhöhter Blutzuckerspiegel und erhöhte Blutfettwerte.2 Durch die Globalisierung, wirtschaftliche Entwicklungen und Veränderungen sozialer Normen veränderten sich in vielen Ländern des Globalen Südens in den letzten Jahrzehnten auch die Lebensgewohnheiten – meist nach westlichem Vorbild.11 Dies hat oftmals negative Gesundheitskonsequenzen, wie eine Studie anhand des Vergleichs zwischen der westlichen und der traditionellen Ernährung in Tansania beispielhaft zeigt: Der traditionelle Ernährungsstil weist positive Gesundheitseffekte auf, wohingegen die westliche, stark zucker- und fetthaltige Kost zu mehr Entzündungen führt und das Risiko z.B. für Diabetes erhöht.12
Wenn Risikofaktoren reduziert werden, indem sowohl am Verhalten als auch an Lebensbedingungen angesetzt wird, ist NCDs glücklicherweise in weiten Teilen vorzubeugen. Die vorzeitige Sterblichkeit könnte somit gesenkt werden und Menschen könnten länger, gesünder und glücklicher leben.
Alle Altersgruppen gefährdet
Grundsätzlich betreffen NCDs Menschen aller Altersgruppen. Im höheren Alter sind allerdings mehr Menschen von gleich mehreren Erkrankungen betroffen (Komorbidität). Kinder und Jugendliche wiederum befinden sich in einer besonders sensiblen Lebensphase. So kann z.B. frühes Übergewicht den Grundstein für Adipositas im Erwachsenenalter mit negativen Konsequenzen für die Gesundheit legen.

Weltweit sind insgesamt mehr Frauen von NCDs betroffen, doch Männer sterben häufiger und tragen in Summe eine höhere Krankheitslast, z.B. da sie häufiger über längere Zeiträume erkranken. Diese Unterschiede sind nicht allein durch biologische Unterschiede der Geschlechter zu erklären. Sie beruhen v.a. auf sozialen Determinanten und damit verbundenen Verhaltensweisen, wie z.B. häufigeres Risikoverhalten von Männern in Bezug auf Tabak und Alkohol und ein erhöhtes Risiko für häusliche Gewalt und Bewegungsmangel bei Frauen.10
Die unsichtbare Epidemie
Wenn von NCDs die Rede ist, wird oftmals von einer „unsichtbaren Epidemie“, wenn nicht gar Pandemie gesprochen. Denn auch wenn es sich nicht um Infektionskrankheiten handelt, breiteten sie sich in den letzten Jahrzehnten immer weiter aus, insbesondere in Subsahara-Afrika.10,13 Es wird geschätzt, dass die von NCDs ausgehende Krankheitslast in den nächsten Jahrzehnten weiter zunehmen wird.14
Der Ernst der Lage ist also eindeutig – nur schaut die Welt kaum hin und Gegenmaßnahmen erfolgen nur schleppend. So wird für NCDs lediglich ein Bruchteil der globalen Gesundheitsfinanzierung aufgewendet. Kurzum: Es wird zu wenig getan, sowohl was die Vorbeugung als auch die Behandlung angeht. Und das, obwohl gerade bei den nicht übertragbaren Krankheiten mit relativ wenig Einsatz viel erreicht werden kann.15,16 Zusätzliche Ausgaben würden hier ein Vielfaches an Nutzen bringen, welcher auch ökonomisch weit über die Verbesserung der Gesundheit allein hinausgeht. (SJ)
- bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Gebärmutterhalskrebs verursacht durch humane Papillonviren oder Leberzirrhose verursacht durch Hepatitis B oder C) WHO, 2025 [Zugriff 20.5.2025] ↩︎
- WHO (2024) Noncommunicable diseases. [Zugriff 7.5.2025] ↩︎
- Zou HK et al. (2020) Harnessing real-world evidence to reduce the burden of noncommunicable disease: health information technology and innovation to generate insights. Health Serv Outcomes Res Method; 21, p 8–20. ↩︎
- RKI (2024) Surveillance nichtübertragbarer Krankheiten. [Zugriff 7.5.2025] ↩︎
- RKI (2021) Internationale Zusammenarbeit im Bereich der Nicht-übertragbaren Erkrankungen. [Zugriff 7.5.2025] ↩︎
- Kaluvu L et al. (2022) Multimorbidity of communicable and non-communicable diseases in low- and middle-income countries: A systematic review. Journal of multimorbidity and comorbidity; 12, p 1-14 ↩︎
- Pharma-Brief Spezial (2024) Verwirrende Vielfalt. Was zeichnet NTDs aus? Nr. 1, S. 4-6 ↩︎
- Pharma-Brief Spezial (2024) NTD-Bekämpfung hat viele Gesichter. Medizinische und nichtmedizinische Ansätze vonnöten. Nr. 1, S. 12-16 ↩︎
- The Lancet (2020) Global Health Metrics. Non-communicable diseases—Level 1 cause. The Lancet; 396, p S42-S43 ↩︎
- Li J et al. (2025) Burden and attributable risk factors of non-communicable diseases and subtypes in 204 countries and territories, 1990–2021: a systematic analysis for the global burden of disease study 2021. International Journal of Surgery (2025); 111, p 2385–2397 ↩︎
- Pharma-Brief Spezial (2013) Die doppelte Bürde. Nr. 2, S. 4-8 ↩︎
- Temba GS et al. (2025) Immune and metabolic effects of African heritage diets versus Western diets in men: a randomized controlled trial. Nat Med; 2025, p 1698–1711 ↩︎
- RKI (2015) Infektionsschutz und Infektionsepidemiologie. Fachwörter – Definitionen – Interpretationen. [Zugriff 26.5.2025] ↩︎
- Institute for Health Metrics and Evaluation (2024) Global Burden of Disease 2021. Findings from the GBD 2021 Study. [Zugriff 8.5.2025] ↩︎
- WHO (2022) Invisible numbers: the true extent of noncommunicable diseases and what to do about them. [Zugriff 7.5.2025] ↩︎
- WHO (o.J.) Global NCD Compact 2020-2030. [Zugriff 7.5.2025] ↩︎