Was kostet Übergewicht wirklich?
23. Februar 2026
Wie falsche Zahlen Interessen bedienen
79 Milliarden Euro – so teuer soll Übergewicht sein. Doch eine investigative Recherche zeigt, dass diese Zahl auf fehlerhaften Berechnungen beruht. Es stellt sich die Frage: Wer hat ein Interesse an möglichst hohen Summen?
Eine niederländische investigative Fernsehdokumentation deckte kürzlich auf, dass die Universität Maastricht 2022 in einer Pressemitteilung falsche Zahlen zu Übergewicht und Fettleibigkeit verbreitete. Die dort genannten Kosten von jährlich 79 Milliarden Euro lagen weit über den Ergebnissen internationaler wissenschaftlicher Studien. Sie werden trotzdem bis heute vielfach zitiert.
Nach der Sendung zog die Universität ihre Meldung mit dem Kommentar „die 79 Milliarden Euro hätten nicht verwendet werden dürfen“1 zurück. In einer schriftlichen Stellungnahme betont die Universität die entscheidende Einschränkung der Studie: Die Stichprobe sei zu klein, um verlässliche Aussagen über die gesamte niederländische Bevölkerung zu erlauben. Warum diese fehlerhaften Angaben dennoch über drei Jahre hinweg unkorrigiert blieben, könne man sich nicht erklären, so der Sprecher.
Die falschen Zahlen kamen durch eine Zusammenarbeit mit der Partnerschaft gegen Übergewicht (PON) zustande. Auf die Kritik sagte eine Sprecherin von PON beschwichtigend, die Summe von 79 Milliarden Euro sei in der Tat „überzogen“ und habe in erster Linie als Weckruf dienen sollen. Die Organisation stellt den Alarmcharakter der Studie in den Vordergrund und erklärt, die konkrete Zahl sei weniger entscheidend als die Botschaft.
Andere Expert*innen betonen zurecht: Solche Berechnungen müssen genau belegt werden, da ein überhöhter Betrag es Pharmaunternehmen leicht mache, mehr für ihre Medikamente verlangen. Laut Investigativjournalist Ton van der Ham ist die Forderung nach einem früheren Einsatz von Abnehmspritzen das zentrale Thema: „Derzeit wird heftig darüber debattiert, ob die Abnehmspritzen nur für stark übergewichtige Menschen oder auch für solche mit einem BMI um 27 gedacht sind. Und das bedeutet plötzlich Millionen weitere Betroffene. Das ist natürlich ungemein interessant für die Abnehmindustrie“.2
Kaum verwunderlich: Die Pharmaunternehmen Novo Nordisk und Lilly, zwei Hersteller von Abnehmspritzen, nutzen die falsche Zahl für ihre Öffentlichkeitsarbeit. Sie findet sich zudem in einem Positionspapier, an den damaligen Staatssekretär gerichtet, vom Mai 2025, das eine frühzeitige Behandlung Übergewichtiger fordert. Beteiligt waren acht Gesundheitsökonomen, von denen drei Interessenkonflikte haben: Sie arbeiten auch für Health-Ecore, ein Beratungsunternehmen, das Analysen für Lilly erstellt. Der Pharmakonzern will, dass die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten seiner neuen Abnehmspritze übernehmen. Expert*innen kritisieren, dass die Forscher gegen den Verhaltenskodex für wissenschaftliche Integrität verstoßen haben, weil sie ihre Verbindung zu Eli Lilly nicht transparent gemacht haben.1 (EF)
Eine Vorfassung des Artikels erschien in GPSP 1/2026.
- Zembla (2025) Universiteit Maastricht trekt nieuwsbericht obesitasstudie terug [Zugriff 20.11.2025] ↩︎
- NOS (2025) Zembla: wetenschappers verzwijgen belangen bij advies aan overheid over afslankmiddelen [Zugriff 24.11.2025] ↩︎