Ataluren: Elf Jahre nutzlos auf dem Markt
23. Februar 2026
Warum die Zulassung von Medikamenten verschärft werden muss
Ataluren, ein Medikament gegen Duchenne-Muskeldystrophie, wurde in der EU 2014 auf Basis extrem dürftiger Daten zugelassen. Erst im Frühjahr 2025 zog die Zulassungsbehörde EMA wegen Unwirksamkeit des Mittels die Notbremse. Drei Wissenschaftler*innen aus Pamplona (Spanien) haben analysiert, was schiefgelaufen ist.1
Bei der genetisch bedingten Duchenne-Muskeldystrophie ist die Bildung des Muskelstrukturproteins Dystrophin, das die Muskelzellen stabilisiert, gestört. Die Muskelschwäche schränkt die Bewegungsfähigkeit zunehmend ein und verkürzt die Lebenserwartung stark. Eine Behandlung der Ursache gibt es nicht, nur die Symptome können gelindert bzw. herausgezögert werden. Betroffen sind fast ausschließlich Jungen.
Bei 13% der Patient*innen liegt eine Nonsense-Mutation im Dystrophin-Gen vor. Dadurch bekommt das Gen ein vorzeitiges Stoppsignal und es wird kein funktionierendes Dystrophin-Protein gebildet. Auf diese Störung zielte Ataluren ab, allerdings verbesserte sich die Dystrophin-Produktion durch den Wirkstoff nur geringfügig.
Für die Zulassung wurde eine vergleichende Studie vorgelegt, doch in keinem der Hauptziele konnte ein Vorteil gegenüber Placebo gezeigt werden. Lediglich in einer nachträglichen Auswertung deutete sich an, dass Jungen, die zu Beginn der Studie innerhalb von sechs Minuten noch mindestens 150 m laufen konnten, eventuell von Ataluren profitieren könnten. Diese Hoffnung reichte der EMA 2014 – nach einer anfänglichen Ablehnung im Januar – im zweiten Anlauf aus, im Mai 2014 eine bedingte Zulassung zu empfehlen. Als Auflage musste der Hersteller eine weitere Studie durchführen. Aber auch diese zeigte keine Vorteile für Ataluren. Die Studienautor*innen spekulierten nun, dass Patient*innen mit einer sechs Minuten Gehstrecke von 300-400 m profitieren könnten. Obwohl es lediglich kleine „numerische“ Vorteile, aber keine statistisch signifikanten Unterschiede gab, wurde Anfang 2017 eine Verlängerung der Zulassung erteilt. Als Auflage musste erneut eine weitere Studie durchgeführt werden.
Sozialer Druck in Spanien
Angesichts der negativen Daten veröffentlichte das spanische Gesundheitsministerium 2017 ein Positionspapier, das eine Finanzierung von Ataluren ablehnt. Aber die meisten Regionen Spaniens ignorieren das und importieren den Wirkstoff auf eigene Rechnung. Dazu trug auch erheblicher sozialer Druck bei: Duchenne-Patient*innen besuchten mit ihren Angehörigen den Präsidenten des spanischen Senats, nahmen an TV-Shows teil und spannten Promis für sich ein. Es gab auch Demonstrationen mit der Forderung, Ataluren den Patient*innen zur Verfügung zu stellen.
Noch eine Studie mit negativen Ergebnissen
Die dritte Studie startete im Juli 2017. Ein Jahr später wird das primäre Untersuchungsziel nachträglich geändert, ein bei einer bereits laufenden Studie umstrittenes Vorgehen. Erst im Juli 2023 ist die Studie beendet. Im September 2023 empfiehlt die EMA auf Basis dieser neuen Daten, die Zulassung wegen Unwirksamkeit nicht zu verlängern. Der Hersteller verlangt eine erneute Bewertung, die EMA bekräftigt im Januar 2024 ihre negative Entscheidung. Damit wäre das Verfahren eigentlich abgeschlossen.
In einem ungewöhnlichen Schritt fordert die EU-Kommission im Mai 2024 die EMA auf, erneut zu beraten, denn die Beschlüsse der Behörde vom September 2023 und Januar 2024 seien ungültig. Als Argument nutzt die Kommission ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 14. März 2024 zu einem anderen Medikament. Das Gericht erachtete Interessenkonflikte in einer wissenschaftlichen Beratungsgruppe der EMA (WBG) als problematisch.2 Deshalb muss der Bewertungsprozess für Ataluren mit einer neuen WBG erneut gestartet werden – ein weiterer Zeitgewinn für den Hersteller.
Im Juni 2024 entscheidet die EMA auf Basis derselben Daten erneut gegen Ataluren, der Hersteller verlangt eine Neubewertung. Im Oktober 2024 gibt es die vierte und letzte Entscheidung der EMA, sie lehnt die Verlängerung der Zulassung endgültig ab, am 28. März 2025 erlischt die Zulassung.
Elf Jahre lang wurden Patient*innen mit einem unwirksamen Medikament behandelt. Geschätzte Kosten: 200.000 € pro Person und Jahr. Bei allen Schwierigkeiten, Studien für seltene Erkrankungen durchzuführen, darf die Wissenschaft nicht auf der Strecke bleiben. Zulassungsentscheidungen sollten sich niemals an schwachen Daten, „vielversprechenden Resultaten“ oder Hoffnungen orientieren, gefragt sind solide wissenschaftliche Fakten. Die EMA hatte zu Beginn selbst Bedenken, dass die frühe Zulassung die weitere Evidenzgenerierung gefährden könnte.
Unverständlich bleibt, warum sich die Behörde so lange hat hinhalten lassen. Klare Auflagen und (kurze) Fristen für bestätigende Studien sind notwendig. Die Koppelung der Erstattung des neuen Arzneimittels an die Teilnahme an einer Registerstudie könnte zudem weitere Erkenntnisse bringen.
Duchenne-Muskelatrophie ist eine schwere Erkrankung. Falsche Hoffnung auf Wirkung nützt keiner Patient*in. Nicht zuletzt bedeuten leichtfertige Zulassungen auch einen fehlenden Anreiz, weitere Wirkstoffe zu entwickeln, die den Betroffenen wirklich helfen. (JS)
USA-Europa: Uneinheitliche Entscheidungen
Im Gegensatz zur EMA lehnte US-Behörde FDA eine Zulassung von Ataluren 2016 ab.3 Paradoxerweise hatte die FDA kurz zuvor mit Eteplirsen ein anderes Duchenne-Medikament mit noch schwächerer Evidenz durchgewunken: Die Verbesserung der motorischen Fähigkeiten wurde nicht geprüft. Für die Zulassung reichte eine geringe Zunahme des Dystrophins um 0,2%-0,3% des Wertes von Gesunden. Die Entscheidung fiel übrigens gegen das ablehnende Votum der Expert*innen4 und mit einer geschickten Instrumentalisierung von Betroffenen durch den Hersteller.5 Das in den USA bis heute erhältliche Eteplirsen fand dagegen bei der EMA 2018 keine Gnade.6
- Erviti J et al. (2025) Ataluren for Duchenne: how politics and social pressure undermined evidence-based decisions. BMJ EBM ↩︎
- CURIA (2024) Rechtssache C-291/22 P ↩︎
- Pagliarulo N (2016) FDA snubs PTC appeal for Duchenne drug. Biopharmadive, 17 Oct [Zugriff 15.1.2026] ↩︎
- Pharma-Brief (2016) Wenig, weniger, keine Evidenz? Nr. 9-10, S. 2 ↩︎
- Pharma-Brief (2017) Eteplirsen: Inszenierte Patienten. Nr. 4, S. 8 ↩︎
- EMA (2018) EPAR Exondys [Zugriff 15.1.2026] ↩︎