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Neue Studie widerlegt Nutzen für Kinder

Um die Kindersterblichkeit zu senken, empfahl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2020 in mehreren afrikanischen Ländern die massenhafte Verabreichung des Antibiotikums Azithromycin an Kinder. Neue Forschungsergebnisse zeigen aber keinen positiven Effekt und weisen auf Risiken durch antimikrobielle Resistenzen (AMR) hin.

Kinder in Subsahara-Afrika haben weltweit die schlechtesten Überlebenschancen. Dort sterben im Durchschnitt etwa 69 von 1.000 Kindern vor ihrem fünften Geburtstag.1 Frühere Studien zeigten, dass eine massenhafte Antibiotikagabe bei Kindern positive Effekte auf die Sterblichkeit haben könnte.2 Die sogenannte Mass Drug Administration (MDA) stellt einen Versuch dar, besonders stark betroffenen Communities zu helfen. Über die ambivalente Rolle von MDA berichteten wir auch in unserer Fachbroschüre zu vernachlässigten Tropenkrankheiten.3

Azithromycin ist ein Makrolid-Antibiotikum und wird als Breitbandantibiotikum eingesetzt. So zeigte die sogenannte TANA-Studie um 2006/2007 teilweise Erfolge mit dem massenhaften Einsatz von Azithromycin bei der Bekämpfung des Trachoms4 bei Kindern im Alter von 1 bis 9 Jahren. Eine weitere, die MORDOR-Studie, untersuchte von 2014 bis 2017 in Niger, Malawi und Tansania die Auswirkungen der massenhaften Gabe auf die Sterblichkeit bei Säuglingen im Alter von 1 bis 11 Monaten. Den Säuglingen wurde zweimal jährlich eine Dosis gegeben. Das Ergebnis: In der Studie sank die Zahl der Todesfälle um 6,6 pro 1.000 Patient*innenenjahre.5 Eine aktuellere Untersuchung bestätigt die Effekte jedoch nicht.

Neue Studie stellt Ergebnisse infrage

In der LAKANA-Studie untersuchten Forschende den Effekt einer Massenbehandlung mit Azithromycin auf die Säuglingssterblichkeit im Alter von 1 bis 11 Monaten. Die Datenerhebung fand von 2020 bis 2022 statt. Die Spanne orientierte sich an der früheren MORDOR-Studie, da in dieser Altersgruppe die stärksten Effekte beobachtet wurden.

Die Forschenden teilten die Säuglinge in drei Gruppen ein: In der ersten Gruppe erhielten sie Placebo, in der zweiten zweimal jährlich und in der dritten viermal jährlich Azithromycin, jeweils in einer Dosis von 20 mg/kg. Insgesamt nahmen 149.090 Säuglinge an der Studie teil. Das Ergebnis: Die ungezielte, mehrfache Verteilung des Antibiotikums senkte die Säuglingssterblichkeit nicht. Das Ergebnis wirft Fragen auf, denn das Risiko möglicher Antibiotikaresistenzen steigt.5

Studie untersucht Resistenzbildung

Ein Großteil der Todesfälle bei Kindern in der Region Sub-Sahara-Afrika wird durch Pneumokokken verursacht. Dieser Erreger wird unter anderem mit Antibiotika aus der Gruppe der Makrolide behandelt.

Im Rahmen einer Nachfolgestudie untersuchten Forschende die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen in Gemeinden, die zuvor an der MORDOR-Studie teilgenommen hatten. Zwischen April und Mai 2021 entnahmen sie dazu Nasen-Rachen-Abstriche von 924 Kindern aus ehemaligen Azithromycin- und Placebo-Gemeinden und analysierten die darin enthaltenen Pneumokokkenstämme auf Resistenzen.

Die Pneumokokken-Resistenz6 gegen Makrolide nahm in Regionen mit Massengabe von Azithromycin deutlich zu. Zu Beginn der Untersuchung lag sie bei etwa 22 %. Sechs Monate (Zeitpunkt der ersten Probenentnahme) nach der Massenbehandlung stieg sie auf rund 32 % und blieb auch nach 3,5 Jahren (dem Zeitpunkt einer weiteren Nachuntersuchung) mit etwa 32 % auf diesem erhöhten Niveau. In den umgebenden Placebo-Gemeinden zeigte sich ebenfalls ein Anstieg von etwa 21 % auf 25 % nach sechs Monaten und später auf rund 31 %. Dies wird damit erklärt, dass resistente Bakterien und Resistenzgene auch auf unbehandelte Kinder in der Nähe übertragen werden können. In Regionen ohne Azithromycin-Masseneinsatz blieb die Resistenz dagegen stabil bei etwa 16-17 %. Besonders auffällig war, dass Kinder, die erst nach der Massenbehandlung in behandelten Regionen geboren wurden, bereits eine sehr hohe Resistenzrate von etwa 36 % aufwiesen.5

Was langfristig wirklich hilft

Mehrfach berichteten wir über die weltweiten Todesfälle durch AMR.7 Nach Angaben der WHO war im Jahr 2023 weltweit jede sechste laborbestätigte bakterielle Infektion resistent gegen gebräuchliche Antibiotika. Das Risiko ist allerdings regional unterschiedlich: In der afrikanischen Region ist bereits jede fünfte Infektion resistent.8 Wichtig ist neben dem rationalen Gebrauch von Antibiotika daher: Um die Kindersterblichkeit nachhaltig zu senken, müssen vor allem die medizinische Versorgung verbessert sowie der Zugang zu sauberem Wasser und ausreichender Ernährung gesichert werden. (EF)


  1. Unicef (2026) Kindersterblichkeit in Deutschland & weltweit [Zugriff 11.3.2026] ↩︎
  2. WHO (2020) WHO Guideline on mass drug administration of Azithromyzin to children under five years of age to promote child survival. Geneva ↩︎
  3. Pharma-Brief (2024) Von wegen exotisch. Vernachlässigte Tropenkrankheiten im Fokus. Spezial Nr. 1, S. 14 ↩︎
  4. Ansteckende Augeninfektion, die durch das Bakterium Chlamydia trachomatis verursacht wird. ↩︎
  5. Arzneimittelbrief (2025) Massenhafte Behandlung mit Azithromycin von Kindern in Afrika zur Senkung der Kindersterblichkeit: Nicht erfolgreich und mit gefährlichen Folgen; 59, S. 89 ↩︎
  6. Wenn Bakterien gegen ein Makrolid-Antibiotikum (z. B. Azithromycin) resistent werden, sind sie häufig gleichzeitig gegen andere Makrolide resistent, z. B. Erythromycin oder Clarithromycin. Das liegt daran, dass viele Resistenzen den gleichen Wirkmechanismus betreffen. ↩︎
  7. Pharma-Brief (2022) Antibiotika: Viele Tote durch viele Resistenzen. Nr. 1, S. 8 ↩︎
  8. WHO (2025) Global antibiotic resistance surveillance report 2025. Geneva [Zugriff 16.3.2026] ↩︎

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