Tropenkrankheiten: Europäische Mangelwirtschaft
21. Mai 2026
Menschen mit NTDs treffen auch hierzulande auf Versorgungsprobleme
Frau Dr. Fusco, 2023 führten wir ein Interview zu genitaler Schistosomiasis der Frau (FGS).1 Nun stellen Sie in einem Fachbeitrag2 mit Kolleg*innen den adäquaten Zugang zu Arzneimitteln gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten (NTDs) in Europa ins Zentrum.
Alles begann 2025 auf einem großen Kongress für Tropenmedizin in Hamburg. Wir erlebten damals einen Saal voller Menschen, die sich für dieses Thema interessierten und erkannten, dass es auch öffentlich so viel Aufmerksamkeit wie möglich erhalten muss. Denn die Art und Weise, wie in unserer Region mit NTDs umgegangen wird, ist inakzeptabel! In Ländern, in denen das Gesundheitssystem eigentlich effizient funktionieren sollte, sehen sich Ärzt*innen etwa gezwungen, ihren Patient*innen zu raten, dass sie ihre Verwandten in der Demokratischen Republik Kongo fragen sollen, ob sie nicht Medikamente kaufen können, da dies schneller und sicherer wäre. Wir können also nicht nur den hiesigen Patient*innen keinen direkten Zugang garantieren, wir entziehen den afrikanischen Märkten zudem Ressourcen, einfach weil wir über eine größere Kaufkraft verfügen.

Dr. Daniela Fusco arbeitet am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg in der operativen Forschung zu NTDs.
Ein Fokus liegt auf der Therapie bei zoonotischen NTDs, darunter Chagas, Schistosomiasis und Fasziolose, welche auf Leberegel zurückgeht. Sie analysieren die entsprechende Patient*innen-Versorgung anhand der „drei A’s“: Availability, Accessability, Affordability (Verfügbarkeit, Zugänglichkeit, Erschwinglichkeit).
Wenn man in der humanitären Hilfe und zu Global Health arbeitet, kommt irgendwann der Moment, in dem man diese drei A’s fast satt hat, weil sie sich wie ein weiteres Modewort anfühlen. Aber nach fast 20 Jahren muss ich zugeben, dass sie Gesundheitsstrategien wirklich maßgeblich beeinflussen. Wenn man nun über Verfügbarkeit und Zugänglichkeit spricht, wie könnte man da nicht über Schistosomiasis reden? Praziquantel ist das einzige verfügbare Medikament gegen die Krankheit, was an sich schon ein Skandal ist. Noch schlimmer ist jedoch, dass in einigen europäischen Ländern die einzige zugelassene Version von Bayer hergestellt wurde, die wiederum im vergangenen Jahr beschlossen, die Produktion einzustellen, ohne Klarheit, wie es weitergeht.3 Dadurch blieb auch Deutschland ohne zuverlässige Versorgung. Das bedeutet, dass Patient*innen, die das Medikament benötigen, darauf warten müssen, dass es überhaupt beschafft wird … wer weiß, wo.
In München gelang es dem Team von PD Dr. Camilla Rothe, eine Vereinbarung mit einer örtlichen Apotheke zu treffen, um eine galenische Formulierung von Praziquantel auf Anfrage herzustellen. Sie versuchen zudem, den bundesweiten Bedarf vorherzusagen, um so gut wie möglich vorbereitet zu sein. Man bedenke, dass dies eine Krankheit ist, die wir mit Sicherheit zahlenmäßig unterschätzen – können wir also auf nationaler Ebene wirklich all unsere Hoffnungen auf eine Apotheke in Bayern setzen?
Diese Geschichte stößt uns auf einen weiteren wichtigen Aspekt. Der erste Schritt zur Zugänglichkeit ist zu wissen: dass eine Krankheit überhaupt existiert, dass eine Apotheke ein benötigtes Medikament herstellt, wohin ich Patient*innen überweisen kann usw. Vor zwei Jahren unterrichtete ich sechs Studierende des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, die mir erzählten, dass sie noch nie zuvor von genitaler Schistosomiasis der Frau gehört hatten. Wie können wir also davon ausgehen, dass die Ärzt*innen von morgen in der Lage sein werden, niedrigschwellige Angebote für betroffene Menschen in Deutschland zu schaffen?
Zum Schluss noch etwas zur Erschwinglichkeit. In unserem Artikel sprechen wir von „Bastel-Lösungen“. Sie sind aus meiner Sicht für europäische Gesundheitssysteme inakzeptabel, aber dennoch in manchen Situationen das Beste, was wir anbieten können. Wir müssen zugleich verstehen, dass sie für Krankenkassen problematisch sein könnten. Das bedeutet, dass Patient*innen womöglich nicht nur Medikamente akzeptieren müssen, die normalerweise für den tiermedizinischen Gebrauch bestimmt sind, sondern auch noch viel dafür bezahlen müssen! Und all das geschieht nicht, weil es keine Alternative gäbe, sondern einfach nur, weil NTDs nicht als wichtig angesehen werden.
Was sind die Empfehlungen Ihres Autor*innen-Teams?
Es ist wichtig zu verstehen, dass der Zugang zu Medikamenten nicht isoliert betrachtet werden kann. Weitere politische Maßnahmen sind erforderlich, um die Versorgungsqualität zu maximieren, z.B. die Einbindung von NTDs in medizinische Lehrpläne, die (Weiter-)Bildung von Gesundheitsfachkräften verschiedener Fachrichtungen, die Harmonisierung von Diagnose- und Behandlungsleitlinien sowie angemessene Vorsorgeprogramme, einschließlich der Einbeziehung von Bevölkerungsgruppen, die Schwierigkeiten beim Zugang zum Gesundheitssystem haben.
Wir sind der Ansicht, dass bessere Daten zur Quantifizierung des Problems der „drei A`s“ von entscheidender Bedeutung sind und in allen europäischen Fachorganisationen gefördert werden sollten. Denn angesichts der zunehmenden globalen Mobilität und des Klimawandels ist es unwahrscheinlich, dass NTD-Fallzahlen in Europa bald zurückgehen werden. Die Folgen eines unzureichenden Zugangs sind aber vielfältig: Menschen werden nicht geheilt, Gesundheitssysteme müssen fortgeschrittene Krankheitsstadien zu höheren Kosten behandeln und die lokale Übertragung könnte zunehmen. (MK)
- Pharma-Brief (2023) Schistosomiasis bei Frauen auch in Europa? Nr. 4-5, S. 5 ↩︎
- Ravinetto R et al. (2026) Inequitable access to medicines for neglected tropical diseases in Europe: health system vulnerabilities and a call for coordinated action. The Lancet Regional Health – Europe; 63 ↩︎
- Lindner AK et al. (2025) Shortage of praziquantel in Europe: a clarion call for urgent action. New Microbes and New Infections; 66, 101613 ↩︎