Zoonosen: Die schmale Grenze zwischen Mensch und Tier
13. Juli 2026
Vom Hanta- bis zum Ebolavirus
Hämorrhagische Fieber sind gefürchtet, speziell wegen der oft begleitenden Blutungen. Viele Erkrankungen dieser heterogenen Gruppe zählen zu den Zoonosen, zwei davon beschäftigen seit Wochen die Weltöffentlichkeit. Den Anfang machten im April mehrere Hantavirus-Infektionen auf einem Kreuzfahrtschiff im Atlantik. Kurz darauf überschlugen sich Nachrichten zu einer neuerlichen Ebola-Epidemie in Zentralafrika. Beide Ausbrüche werfen ein Schlaglicht auf das menschliche Vordringen in Naturräume und damit verbundene Gesundheitsrisiken.
Hantaviren sind weltweit verbreitet, allerdings unterscheiden sich einzelne Spezies teils deutlich voneinander, zum Beispiel in Bezug auf Krankheitsbild und bevorzugte Wirtstiere, die stets Nager sind. In Mitteleuropa dominiert das Puumala-, in Nordamerika das Sin Nombre-Virus. In Südamerika wiederum findet sich der sogenannte Andes-Stamm des Erregers, zumeist übertragen durch Kot und Urin der Langschwanz-Zwergreisratte. Bisher wurde nur für ihn eine Übertragung von Mensch zu Mensch nachgewiesen.
Riskante Reise
Wie genau die Andes-Variante des Virus an Bord der MS Hondius gelangte, ist nicht gänzlich geklärt. Allerdings waren die zwei zuerst erkrankten holländischen Passagiere, wie viele Mitreisende, passionierte Vogelbeobachter*innen. Sichtungen dokumentierten sie kleinteilig im Internet, laut New York Times lassen sich daher ihre Aufenthaltsorte zum Teil akkurat nachvollziehen: In den Wochen vor der Schifffahrt bereiste das Paar für Birdwatching Chile, Uruguay und Argentinien.1 Entgegen vieler Berichte besuchten sie allerdings vermutlich keine Müllkippen, die etwa für Vögel aber eben auch Nagetiere Anziehungspunkte darstellen.1
Der später selbst schwer erkrankte Schiffsarzt war beim ersten Todesfall noch von einer nicht-infektiösen Ursache ausgegangen. Insgesamt starben bei dem lokal begrenzten Ausbruch drei Personen, bei insgesamt 13 bestätigten Ansteckungen (Stand Ende Mai).2 Tests wiesen starke genetische Ähnlichkeiten mit Erregerproben von früheren Hanta-Infektionen in Süd-Argentinien auf: „Dies stärkt die Hypothese, dass die ersten Fälle durch herkömmliche Umweltexposition in einem bekannten Endemiegebiet entstanden sind, mit einer möglichen anschließenden Übertragung von Mensch zu Mensch.“3 Mehrere Forschungsteams versuchen augenblicklich den Ansteckungsort einzuengen und gehen etwa der Frage nach, ob sich womöglich ein Nagetier in einem zur Reise genutzten Wohnmobil befand.4
Kalt erwischt
Noch deutlich unschärfer stellt sich die Frühphase der Ebola-Epidemie dar, die viele Kilometer östlich der MS Hondius losbrach. Am 17. Mai rief WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus eine gesundheitliche Notlage internationaler Tragweite aus, das erste Mal ohne vorheriges Treffen des entsprechenden Notfallkomitees. Zu diesem Zeitpunkt grassierte in der DR Kongo offenbar schon seit Wochen das Bundibugyo-Ebolavirus, die internationale Gemeinschaft wurde kalt erwischt.
Der Ausbruch begann vermutlich in der Provinz Ituri, über die der Konfliktforscher Henning Tamm einmal schrieb, es läge politisch wie geografisch am Rande des Kongo: „Der im äußersten Nordosten des Landes gelegene Bezirk, über tausend Meilen von Kinshasa entfernt, unterhält engere wirtschaftliche Beziehungen zu Uganda und zum Südsudan als zu weiten Teilen der DR Kongo. Die Region, die sich durch ausgedehnte Hochlandweiden, Goldminen und wertvolle tropische Harthölzer auszeichnet, erlangte während des Zweiten Kongokriegs internationale Bekanntheit.“5 Die Sicherheitslage vor Ort ist auch nach dessen Ende 2003 sehr prekär, Misstrauen gegenüber staatlichen sowie externen Akteur*innen ausgeprägt und eine Gesundheitsversorgung für große Teile der oft durch Vertreibung mobilen Bevölkerung nicht gegeben.
Ein Unglück kommt selten allein
Knapp einen Monat nach Ghebreyesus’ bemerkenswertem Auftritt blieb das genaue Ausmaß des Ausbruchs unklar. Am 16. Juni gab das Africa CDC die Gesamtzahl der bestätigten Fälle in der Region mit über 800 an, davon fast 200 Todesfälle.6 Betroffen sind in der DR Kongo neben Ituri mit Nord- und Süd-Kivu zwei weitere Konfliktprovinzen. Uganda, wo die Nachverfolgung von Kontakten deutlich engmaschiger verläuft, meldete deutlich geringere Zahlen.
Die DR Kongo erlebt ihren 17. Ebola-Ausbruch seit 1976, entsprechend können nationale Akteur*innen auf Erfahrungen und Kapazitäten aufbauen. Gleichzeitig war die Ausgangssituation für Gegenmaßnahmen deutlich verschlechtert. Ohne Frage haben die massiven Kürzungen internationaler Geldgeber, vor allem der USA, Auswirkungen gehabt. Schon direkt nachdem der damalige DOGE-Chef Elon Musk im Februar 2025 gewitzelt hatte, man habe die „aus Versehen“ gestrichenen US-Mittel zur Ebola-Prävention störungsfrei wiederhergestellt, gab es Zweifel an dieser Versicherung.7 Neuere Analysen legen nahe, dass US-Kürzungen signifikante Probleme bei den regionalen Eindämmungsbemühungen mitverursacht haben.8 Durch die seltene Bundibugyo-Variante des Virus wurde die Früherkennung zusätzlich auf die Probe gestellt, da die in Afrika für Ebola am weitesten verbreitete Sofortdiagnostik-Plattform (GeneXpert) auf den dominierenden Zaire-Stamm ausgerichtet ist.9
Quellensuche
Die WHO verweist aktuell beim Ausbruchsursprung auf laufende Untersuchungen. Viele Studien haben bereits in der Vergangenheit Reservoirs bei Säugetieren analysiert, begegneten aber diversen praktischen Hürden.10 Die Weltorganisation für Tiergesundheit WOAH formuliert daher für das Ebolavirus vorsichtig, eine echte Bestätigung stehe noch aus, „doch Fruchtfledermäuse könnten natürliche Wirte […] sein und gelten derzeit als das wichtigste tierische Reservoir.“11
Ituri mag fernab der globalen Gemeinschaft. Tatsächlich ist es eng in globalisierte Wirtschaftsströme eingebunden, unter anderem durch den Handel mit Hölzern, aber auch Wildtieren und vor allem Bodenschätzen wie Gold, Coltan und Kobalt. Die Journalistin Sonia Shah zeichnete zuletzt nach, welche komplexen Risiken dies birgt. Aufgrund der fragilen Sicherheitslage ist der Ostkongo durch Kleinbergbau geprägt, Einkommensquelle für schätzungsweise über 380.000 Tätige: Viele stoßen weit in die Wälder vor, kommen dort (auch über die Jagd) in direkten Kontakt mit der Fauna, Erreger finden in prekären Siedlungen ohne Sanitärversorgung leicht Verbreitung.12
Wie Shah anmerkt, stammt der erste bekannte Cluster der aktuellen Epidemie aus der Bergbaustadt Mongbwalu, gelegen inmitten unregulierter Minen: „Aus Satellitendaten geht zudem hervor, dass im vergangenen Jahr, als sich der Goldpreis infolge der vom [US-]Präsidenten verhängten Zölle verdoppelte, die Wälder rund um Mongbwalu massiv abgeholzt wurden, wodurch sich die Abbaugrenze tiefer in den Dschungel hinein ausdehnte.“12 Ein Zusammenhang käme letztlich nicht überraschend: Frühere Untersuchungen haben bereits mehrfach Bergbau und Spillover verschiedener hämorrhagischer Fieber in Verbindung gebracht, etwa infolge unhygienischer Bedingungen in Stollen und dortiger Fledertier-Kolonien.
Anders, doch ähnlich
So verschieden die zwei skizzierten Ausbrüche sind, am augenfälligsten beim schieren Umfang, einigen sie auch viele Aspekte: die Tücken akkurater Erreger-Bestimmung, die unmittelbare Gefährdung von Gesundheitspersonal und die einhergehende globale Desinformationsflut. Hinzu kommt die eklatante Forschungslücke, vor allem bei Therapeutika und Impfstoffen, die bislang weder für den Andes- noch den Bundibugyo-Stamm existieren. Angesichts der Lage in Zentralafrika kommentierten Forscher*innen jüngst, die laufende Epidemie unterstreiche „die unhaltbaren Schwachstellen und Ungerechtigkeiten, die sich aus Marktversagen und vernachlässigten Krankheitserregern ergeben.“13
Von allen Ähnlichkeiten lässt sich eine gesondert hervorheben. Der Mensch rückt der Natur zusehends zu Leibe – manchmal offensichtlich, wie die klaffenden Löcher in den Wäldern Ituris bezeugen, manchmal subtiler, in Form „naturnaher“ Patagonien-Rundreisen. Ein Fachbeitrag resümierte zuletzt treffend, die Grenze zwischen menschlicher Gesundheit, Tiergesundheit und den Orten, die wir in unserer Freizeit bereisen, sei „viel schmaler, als wir gerne glauben möchten.“14 Gerade Ausflüge in abgelegenere Habitate nehmen zu. Dazu passt, dass die Reederei der MS Hondius im Juni verlautete, das Schiff sei bereit für die nächste Fahrt – Richtung Arktis. Eine Region, wo aktuell Klimawandel und rasch zunehmender Tourismus neue Zoonose-Risiken befeuern.15 (MK)
- Horowitz J et al. (2026) How a Nature Cruise Turned Into a Nightmare. NYT, 16 May ↩︎
- Le Poidevin O (2026) Hantavirus cases from cruise outbreak rise to 13 following new case in Spain, WHO says. Reuters, 27 May [Zugriff 17.6.2026] ↩︎
- BEACON (2026) Epidemiological assessment of the cruise-linked Andes virus (ANDV) outbreak: Reservoir ecology and potential exposure pathways. 23 May [Zugriff 17.6.2026] ↩︎
- Kupferschmidt K (2026) How did the cruise ship hantavirus outbreak start? Scientists are investigating new scenarios. Science, 11 June [Zugriff 17.6.2026] ↩︎
- Tamm H (2013) UPC in Ituri. The external militarization of local politics in north-eastern Congo. Rift Valley Institute: London/Nairobi ↩︎
- Irwin Z (2026) Ebola Outbreak Could Become Worst on Record, Africa C.D.C. Chief Warns. NYT, 16 June; [Zugriff 17.6.2026] ↩︎
- Emanuel G (2025) Musk says work to stop Ebola was accidentally cut but restored. Experts raise doubts. NPR, 27 Feb [Zugriff 17.6.2026] ↩︎
- Payne D (2026) Trump’s cuts to foreign aid are undermining the Ebola response, insiders say. STAT News, 19 May [Zugriff 17.6.2026] ↩︎
- Karim SA et al. (2026) Urgent need for a reliable rapid diagnostic test for the Ebola epidemic caused by Bundibugyo virus in Africa. Lancet; 407, p 2346 ↩︎
- Sundaram M et al. (2025) Where is the elusive primary ebolavirus reservoir and how do we find It? BioScience, ↩︎
- WOAH (o.J.) Ebola Virus Disease. [Zugriff 17.6.2026] ↩︎
- Shah S (2026) A disease of deforestation: how Ebola is linked to the smartphone in your pocket. Guardian, 5 June [Zugriff 17.6.2026] ↩︎
- Phelan AP et al. (2026) The PHEIC for Ebola disease caused by Bundibugyo virus: an inflection point for solidarity and health equity. Lancet; 407, p 2264 ↩︎
- Baral P et al. (2026) Hantavirus: A cruise ship, a deer mouse and the fictional line between human and animal health. [Zugriff 10.6.2026] ↩︎
- Andersen-Ranberg E et al. (2024) Environmental stressors and zoonoses in the Arctic: Learning from the past to prepare for the future. Science of the Total Environment; 957, 176869 ↩︎