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Warum Pharma-Politik einen Umbruch braucht

Die Schlagzeilen zu Milliardengewinnen und möglichen Forschungsdurchbrüchen täuschen nicht darüber hinweg, dass das Modell kommerzieller Pharmaindustrie in einer elementaren Krise steckt. Mit Folgen: Nicht nur für zahllose Patient*innen, sondern für ganze Länder ist heute keine nachhaltige Gesundheitsversorgung möglich. Auch in reichen Staaten spitzt sich die Situation zu.

Täglich erleben große Teile der Weltbevölkerung am eigenen Leib, dass ihre Gesundheitsversorgung mangelhaft ist. Eine wichtige Ursache ist der limitierte Zugang zu adäquaten sowie bezahlbaren Arzneimitteln. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mahnt bereits seit Jahren an, dass rund zwei Milliarden Menschen weltweit keinen Zugang zu unentbehrlichen Arzneimitteln haben.1

Eine Frage der Gerechtigkeit

In vielen Ländern niedrigen und mittleren Einkommens sind solche medizinischen Versorgungsfragen ein hochpolitisches Problem, dass das Menschenrecht auf Gesundheit unmittelbar betrifft. In Südafrika beispielsweise treten engagierte Krebs-Patient*innen in jüngerer Zeit in die Fußstapfen der berühmten Aids-Aktivist*innen der 1990er und 2000er Jahre.2 Mittlerweile spüren allerdings auch Gesellschaften reicherer Staaten, dass etwas grundlegend aus dem Ruder gelaufen ist. In den USA klagte der populäre Komiker John Stewart unlängst vor Millionenpublikum: „Die Pharmaunternehmen bekommen von unserer Regierung alles – Steuererleichterungen, Forschungszuschüsse, Patentverlängerungen im Wert von Milliarden Dollar – und was bekommen wir, die Bevölkerung, dafür? Die höchsten Arzneimittelpreise in der westlichen Hemisphäre!“3

Gesundheit ist heute mehr denn je eine Ware, das kommerzielle Pharma-System nicht auf reale globale Gesundheitsbedürfnisse ausgerichtet, sondern auf Gewinnmaximierung. Viele Stimmen aus der Industrie sehen darin tatsächlich keinen Gegensatz ‒ wer Innovationen wolle, müsse dies eben „entsprechend honorieren“.4 Möglichst hohe Gewinne seien der wichtigste Anreiz für (menschlichen) Fortschritt, so die Theorie, letztlich eine Variation des berühmten „Wall Street“-Monologs von 1987: „Gier ist gut, Gier ist richtig. Gier funktioniert.“5

Tatsächlich versagen Marktmechanismen bei dringend notwendiger Forschung aber seit Dekaden, etwa bei Antibiotika oder weit verbreiteten Armutskrankheiten. Zur Diagnose und Behandlung vernachlässigter Tropenkrankheiten konstatierte die tansanische Forscherin Dr. Mwelecele Ntuli Malecela einmal: „Momentan nutzen wir im 21. Jahrhundert Werkzeuge aus dem 19. Jahrhundert“.6

Dividenden statt Patient*innen

Dennoch wird der Mythos fortschrittsfördernder Gier weitergesponnen durch eine der finanzstärksten Großindustrien weltweit, die 2025 allein in den USA rund 340 Millionen $ für Lobbyaktivitäten ausgab und damit am meisten aller Branchen.7 Dabei wird oft übersehen, dass ihr Geschäftsmodus heute deutlich anders ist als noch im 20. Jahrhundert (vgl. Zitat).

Dies hat nicht nur negative Konsequenzen für die Preisentwicklung bei Arzneimitteln, sondern auch für innovative Forschung, die von der Industrie gerne stolz als Daseinsberechtigung angeführt wird.9 Die Finanzialisierung sorgt unter anderem dafür, dass Dividenden für Aktionär*innen auf Kosten realer Forschungsinvestitionen gehen: „Überspitzt gesagt sind nicht mehr die Patient:innen die Zielgruppe einer Pharmafirma, sondern die Shareholder.“10 Kritische Analysen ziehen angesichts der zentralen Rolle von geistigen Eigentumsrechten (IP) in diesem Geflecht klare Parallelen zum Technologiesektor. In beiden Fällen würden globale Player ihre Dominanz nicht primär auf freien Märkten durch den konkurrierenden Verkauf von Waren oder Dienstleistungen etablieren, sondern durch monopolisierte Kontrolle der Produktion und Distribution von Wissen in Form geistigen Eigentums.11

Patente, Preise, Probleme

Geistiges Eigentum hat viele Facetten, im Zentrum des Interesses stehen meist Patente. Ihre Auswirkungen haben unmittelbaren Einfluss auf die Versorgung von Patient*innen, wie exemplarisch ein Blick auf die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland 2024 zeigt: Obwohl Arzneimittel mitPatentschutz nur 7 % der abgegebenen Packungen ausmachten, verursachten sie über 50 % der Kosten.12

Arzneimittel in den gesetzlichen Krankenkassen Deutschlands, 2024

Patente ermöglichen die Durchsetzung hoher Medikamentenpreise und so massive Gewinne, die extrem über denen für Generika liegen.13 Jene wiederum bilden zwar das Rückgrat der globalen Versorgung, geraten aber zunehmend unter Druck, insbesondere durch geringere Rentabilität und den Fokus von Firmen auf lukrativere Märkte – eine Folge davon sind hochproblematische Lieferengpässe.14

Die Pharmaindustrie hat Mittel und Wege gefunden, Patente, Geschäftsgeheimnisse und andere Elemente geistigen Eigentums möglichst umfangreich abzusichern (vgl. Produktion & Verteilung). Zugleich spielt die öffentliche Hand in der Forschung eine elementare Rolle und so existiert aktuell „[…] eine staatlich subventionierte Pipeline, in der Universitäten und Start-ups Entdeckungen hervorbringen, während Großkonzerne die Eigentumsrechte an sich ziehen. Es ist ein Mechanismus, der Kosten vergesellschaftet und Gewinne privatisiert.“15

Was kommt nach dem Gipfel?

Wie gnadenlos das hier beschriebene Geschäftsmodell verteidigt wird, spiegelte besonders drastisch die globale Impf-Ungerechtigkeit der Covid-19-Pandemie wieder. Dr. Ayoade Olatunbosun-Alakija, damals Ko-Vorsitzende der African Vaccine Delivery Alliance, fasste 2021 zusammen: „Wir lassen zu, dass Menschen durch den Egoismus reicher Länder und durch die Gier der pharmazeutischen Industrie sterben.“16 Die Welthandelsorganisation (WTO) verschleppte lange konkrete Diskussionen um eine Freigabe von Patenten und kam am Ende 2022 nur zu einem quasi entkernten Beschluss ‒ reiche Länder mit Pharmaindustrie hatten sich durchgesetzt.17

Eine Spritze wird mit einem Impfstoff aufgezogen.
© Matt Hunt/iStock

Auch durch die internationalen Verwerfungen jener Zeit mehren sich die Stimmen, wonach das aktuelle Pharma-Modell auf eine Art Kipppunkt zusteuert, in der Fachdebatte „Peak Pharma“ genannt. Jener Gipfel ist geprägt von „Höchststand bei den Preisen, Höchststand bei der Ressourcenkonzentration, Höchststand bei der Finanzialisierung und Höchststand bei der Expansion.“18 Wie man vom Wandern in den Bergen jedoch weiß, kommt nach dem Gipfel der Abstieg. Umso dringender ist es an der Zeit, nach Alternativen zu suchen und neuen Ansätzen wie Public Pharma auch in der Praxis Raum zu geben. (MK)


  1. WHO (2025) Comprehensive report on access to medicines, vaccines and other health products in the context of the right to the highest attainable standard of physical and mental health. [Zugriff 11.8.2026]
    ↩︎
  2. Pharma-Brief (2021) Unbezahlbar krank. Spezial Nr. 1 ↩︎
  3. The Daily Show (2025) Jon Stewart Takes on DOGE’s Misguided Budget Cuts. 25 Feb.; [Zugriff 11.8.2026]
    ↩︎
  4. Martius F (2025) Arzneimittelpreise: Das große Missverständnis. [Zugriff 11.8.2026] ↩︎
  5. Steinfeld T (2010) „Das Beste am Menschen ist die Gier“. Süddeutsche Zeitung online, 17. Mai [Zugriff 11.8.2026] ↩︎
  6. WHO (2020) Ending the neglect to attain the Sustainable Development Goals: a road map for neglected tropical diseases 2021-2030. Genf: World Health Organization ↩︎
  7. Seitz K (2026) Globale Gesundheit in der Krise: Herausforderungen und Handlungsoptionen. Brot für die Welt/GPF Europe/misereor, Briefing Paper, Mai 2026 ↩︎
  8. Busfield J (2020) Documenting the financialisation of the pharmaceutical industry. Social Science & Medicine; 258 [Zugriff 11.8.2026] ↩︎
  9. Foster L et al. (2023) Measuring Pharma`s Trust Performance. Pharmaceutical Executive; 43, p 6 ↩︎
  10. Heller F (2024) Public Pharma for Europe. Dr. med. Mabuse; 266, S. 56 ↩︎
  11. Fernandez R et al. (2025) The power to profit without producing. [Zugriff 11.8.2026] ↩︎
  12. Techniker Krankenkasse (2026) Überteuerte Arzneimittel: 230 Millionen Euro Einsparpotenzial in Schleswig-Holstein. Pressemitteilung 14.1.2026 [Zugriff 11.8.2026] ↩︎
  13. Hoferichter A (2024) Medikamente für alle. MIT Technology Review; 8 [Zugriff 11.8.2026] ↩︎
  14. Silva AR, Wintgens J (2025) Public Pharma – ein Gegenmittel bei Arzneimittelengpässen. [Zugriff 11.8.2026] ↩︎
  15. siehe 11 ↩︎
  16. BUKO Pharma-Kampagne (2021) Dr. Ayoade Olatunbosun-Alakija – Memento Preisverleihung 2021. [Zugriff 11.8.2026] ↩︎
  17. Pharma-Brief (2022) WTO Patent-Waiver: Außer Spesen nichts gewesen. Nr. 5-6, S. 1 ↩︎
  18. Geiger S, Bourgeron T (2025) Peak Pharma: Toward a New Political Economy of Health. Oxford: Oxford University Press ↩︎

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