Im Fokus: Fiocruz (Brasilien)
28. September 2026
Aktiv von der Pest bis Covid
Lateinamerika hält aus Public Pharma-Perspektive viel interessantes Anschauungsmaterial bereit. Brasilien beispielsweise, mit über 200 Millionen Menschen der bevölkerungsreichste Staat der Region, verfügt mit Fiocruz über eine öffentliche Gesundheitsinstitution mit großer nationaler wie globaler Bedeutung.
Ihr Ursprung geht auf verheerende Pest- und Gelbfieber-Epidemien zurück, die um 1900 herum mehrere Städte heimsuchten. Aus dem damals staatlich gegründeten Instituto Soroterápico Federal ging später die Fundação Oswaldo Cruz (Fiocruz) hervor.1 Heute ist sie „[…] in allen Bereichen des öffentlichen Gesundheitswesens tätig, von der Grundlagenforschung über die Gesundheitsversorgung bis hin zu Innovation und der Herstellung von Hilfsmitteln wie Impfstoffen, Diagnosekits und Medikamenten.“2 Trotz ihres umfangreichen Engagements in der Ausbildung und Lehre ist sie nicht dem Hochschulkontext zuzurechnen, neben ihr existieren weitere staatliche Forschungseinrichtungen und Produzenten im Gesundheitsbereich.3
Forschung für die Bevölkerung
Fiocruz untersteht dem Gesundheitsministerium und umfasst 16 technische Wissenschaftseinrichtungen, verteilt auf mehrere Bundesstaaten.4 Ihre Arbeit richtet sich seit jeher gezielt an nationalen Gesundheitsbedürfnissen aus. Als Brasilien 1988 seine öffentliche, frei zugängliche Krankenversicherung SUS (Sistema Único de Saúde) einführte, nahm Fiocruz eine zentrale Rolle ein.5 Dies war auch hochsymbolisch: „Im historischen Kontext des Kampfes um die Redemokratisierung des Landes war SUS das konkrete Projekt, um Gesundheit als Recht aller und als Pflicht des Staates zu garantieren.“6
Gerade vor diesem Hintergrund bemerkenswert ist der Fokus von Fiocruz auf Erkrankungen, die vor allem arme Bevölkerungsteile treffen und daher bei der profitorientierten Pharmaindustrie wenig Beachtung finden. Historische Bedeutung erlangte dabei die Pionierforschung zum Übertragungszyklus von Chagas,7 eine in Lateinamerika weitverbreitete parasitäre Infektionskrankheit. Bei der Lepra, für die Brasilien die zweitmeisten Fälle weltweit verzeichnet, finden wiederum aktuell klinische Studien zu einem ersten spezifischen Impfstoff statt.8 Überhaupt gilt Impfungen weiterhin ein Hauptinteresse. So ist Gelbfieber ein Schwerpunkt geblieben: Fiocruz zählt zu den nur vier Herstellern weltweit mit einem von der WHO präqualifizierten Impfstoff gegen die global verbreitete Infektion und exportiert in großem Stil.9
Vom Labor ans Krankenbett
Die Einrichtung zeichnet sich „[…] durch eine ganz besondere und seltene Eigenschaft aus, nämlich die Möglichkeit, von der Entdeckung durch Forscher*innen bis hin zur Entwicklung eines Endprodukts zu gelangen, das direkt am Krankenbett eingesetzt werden kann.“10 Das Hauptvolumen der Fiocruz-Produktion durch die zugehörigen Produktionsstätten von Bio-Manguinhos und Farmanguinhos machen allerdings bekannte, vom Staat als unentbehrlich eingestufte Arzneimittel aus, die in der öffentlichen Krankenversorgung (SUS) benötigt werden. Dazu zählen Antibiotika, Schmerzmittel, Biosimilars für die Onkologie sowie Diagnostika und Präparate gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten plus die „Großen Drei“ (HIV/Aids, Malaria und Tuberkulose).
Hinzu kommen Vakzine, zum Beispiel gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR). Während der Covid-19-Pandemie produzierte man in Kooperation den AstraZeneca/Oxford-Vektorimpfstoff.11 Seit mehreren Jahren wirkt Fiocruz auch an einer brasilianischen Insulin-Produktion mit.12 Zugleich begegnen Brasiliens Bestrebungen in der nationalen Herstellung an vielen Punkten einem Problem, das auch in Europa nur allzu bekannt ist ‒ der großen Abhängigkeit vom Wirkstoffimport aus Asien.13
Arbeit als Balanceakt
Fiocruz’ heutige Arbeit spiegelt zugleich interne Spannungsfelder der brasilianischen Gesundheitspolitik seit der Jahrtausendwende wider, etwa bei der Produktion. Farmanguinhos war 2007 involviert in die Durchsetzung der Zwangslizenz für das HIV-Präparat Efavirenz (Sustiva®) von MSD und 2017 an der offiziellen Patentopposition gegen Gileads Hepatitis-C-Mittel Sofosbuvir (Sovaldi®).14 Allerdings setzt sie ergänzend intensiv auf „kooperative Partnerschaftsmodelle“,15 welche spätestens ab 2009 national verstärkt als Instrument propagiert wurden und die „[…] auf den Technologietransfer von privaten an öffentliche Pharmaunternehmen zur Herstellung bestimmter Arzneimittel abzielen, um die lokale Industrie zu stärken, Importabhängigkeit zu verringern und die technologischen Kapazitäten in Brasilien auszubauen.“16 Solche Partnerschaften werden auch von Bio-Manguinhos verfolgt, darunter mit großen internationalen Akteuren wie Merck Serono und Pfizer. Fiocruz nutzt also einerseits staatliche Druckmittel gegen Big Pharma-Akteure, andererseits aber auch nachfrageorientierte Anreize für die Industrie.17
Dieser Balanceakt findet sich auch andernorts wieder. So verpflichtet sich Fiocruz generell einem Open-Access-Ansatz,18 patentiert aber selbst durchaus Innovationen und arbeitet mit einer Bandbreite von Lizenzierungsmodellen. Letztlich kann die renommierte Institution also auch ein Stück weit als Sinnbild gesehen werden für die Kritik einiger Public Pharma-Unterstützer*innen, dass sich Lösungsversuche in der aktuellen Krise oft im bekannten Rahmen marktorientierter Ansätze mit Privatakteuren bewegen.19 (MK)
- Daniel-Ribeiro CD, Girão Soares de Lima AL (2020) Oswaldo Gonçalves Cruz: the character, the scientist, the academician. Journal of the Brazilian Society of Tropical Medicine; 53 ↩︎
- Oswaldo Cruz Foundation (o. J.) Oswaldo Cruz Foundation (FIOCRUZ) [Zugriff 6.8.2026] ↩︎
- Ruas CM et al. (2025) Pharmaceutical access in Brazil: challenges and opportunities. Globalization and Health; 21 ↩︎
- Oswaldo Cruz Foundation (o. J.) Units and offices. [Zugriff 7.8.2026] ↩︎
- Alves L (2026) A pillar of Brazilian public health: Fiocruz at 125. Lancet; 405, p 1805 ↩︎
- Amarante P (2020) Gesundheit ist Demokratie. [Zugriff 7.8.2026] ↩︎
- Petraglia Kropf S, Trindade Lima N (2022) The history of Chagas disease: reflections on science in action. Mem Inst Oswaldo Cruz; 117 ↩︎
- Leprosy Mission Southern Africa (2026) What you need to know about one of the most promising leprosy vaccines today. [Zugriff 7.8.2026] ↩︎
- Rodrigues BF J et al. (2025) Yellow Fever: New Insights on an Old Disease. In: Morales-González JA (Hrsg.) Update on Orthoflavivirus. IntechOpen ↩︎
- 5 ↩︎
- Massard da Fonseca E et al. (2023) Vaccine technology transfer in a global health crisis: Actors, capabilities, and institutions. Research Policy; 52 ↩︎
- t1international (2025) National Insulin and Health Sovereignty. [Zugriff 7.8.2026] ↩︎
- Tonini MDL et al. (2023) Brazilian national production of active pharmaceutical ingredients: regulatory and strategic framework. Anais da Academia Brasileira de Ciências; 95 ↩︎
- Fernandes D et al. (2024) Patents, access, and local production of medicines: reflections from experiences in the SUS. Saúde e Sociedade, 33 ↩︎
- Das speziell dafür verwendete Kürzel, PDP für Partnership for Productive Development, ist nicht zu verwechseln mit der identischen Abkürzung für Product Development Partnerships. ↩︎
- 3 ↩︎
- De Moraes Achcar H, Massard da Fonseca E (2024) The politics and governance of drug production in public-private partnerships: Brazil’s response to hepatitis C. Global Public Health; 19, ↩︎
- Oswaldo Cruz Foundation (2020) Policy on Management, Sharing and Opening of Research Data. [Zugriff 7.8.2026] ↩︎
- Krikorian G, Torreele E (2021) We Cannot Win the Access to Medicines Struggle Using the Same Thinking That Causes the Chronic Access Crisis. Health and Human Rights Journal; 23, p 119 ↩︎