Ticagrelor – Vorteile erst spät in Frage gestellt
15. Dezember 2025
Kurz vor Ablauf des Patentschutzes mehren sich die Zweifel, ob Ticagrelor besser wirkt als andere Plättchenhemmer. In zwei Artikeln fasst Peter Doshi vom BMJ die bisherigen Erkenntnisse zusammen, fördert aber auch neue Ungereimtheiten zutage.1,2
Die Zulassung von Ticagrelor bei akutem Koronarsyndrom stützte sich auf die große sogenannte PLATO-Studie. Im Vergleich mit Clopidogrel verringerten sich darin kardiovaskuläre Todesfälle, Herzinfarkte und Schlaganfälle um insgesamt 1,9%. So stand es jedenfalls 2009 im New England Journal of Medicine (NEJM).3 Doch die US-Zulassungsbehörde FDA äußerte bereits 2010 Zweifel an der Integrität der Daten. Denn während das Gesamtergebnis zugunsten von Ticagrelor ausfiel, war es bei US-Patient*innen genau umgekehrt.
AstraZeneca versuchte, den Unterschied mit den höheren ASS-Dosen, die in den USA eingesetzt wurden, zu erklären. Eine Hypothese, die nicht überprüft war. Trotz schwerer Bedenken des wissenschaftlichen Bearbeiters bei der FDA, entschied sich die Leitung der Behörde 2011 für eine Zulassung. Wahrscheinlicher als die ASS-Hypothese sind andere Erklärungen.
In den USA überwachte ein externer Dienstleister die Durchführung der Studie, in den meisten anderen Ländern machte das die Firma selbst. Dort wo AstraZeneca für die Ergebnisse zuständig war, sah es für Ticagrelor besser aus.
Datenmanipulationen
Im September 2012 reichte der Wissenschaftler Victor Serebruany, den die FDA schon vor der Zulassung des Medikaments um Rat gefragt hatte, eine Whistleblower-Klage gegen AstraZeneca wegen der Übermittlung „falscher und betrügerischer Daten an die USA“ ein. Im Oktober 2013 begann das US-Justizministerium eine Untersuchung über die Ungereimtheiten in der PLATO-Studie, die im August 2014 ohne Ergebnis eingestellt wurde.1
Mit einer Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz konnte das BMJ die vertraulichen Unterlagen von Serebruany einsehen. Er behauptete, dass das wissenschaftliche Bewertungskomitee zusätzliche 45 Herzinfarkte Clopidogrel zugeordnet hatte, Ticagrelor keinen einzigen. Die FDA-Daten stützen diese Aussage.
Auch bei den Sterbezahlen gibt es Ungereimtheiten. In der PLATO-Veröffentlichung ist von insgesamt 905 Todesfällen die Rede, interne Firmenunterlagen nennen dagegen 983 Tote. Während man argumentieren kann, dass 33 Fälle sich erst nach der geplanten Endauswertung ereigneten, bleiben 45 Todesfälle, die sich nach Widerruf der Einwilligung zur Teilnahme, aber während der Studiendauer, ereigneten. Beides verzerrt die Ergebnisse. Mit den Zahlen konfrontiert, bestritt das NEJM den Fehler nicht, hielt aber eine Korrektur für nicht so wichtig: „Es scheint nicht so, als würde die Korrektur dieses 15 Jahre alten Artikels irgendwelche Auswirkungen haben.“ Schließlich habe die FDA das Medikament in Kenntnis der richtigen Daten zugelassen.1
Weitere Studien fehlerhaft berichtet
Kurz nach PLATO veröffentlichte AstraZeneca zwei weitere kleine Studien, die eine schnellere Plättchenhemmung mit Ticagrelor belegen sollten. In einer waren am ersten Tag innerhalb von acht Stunden sechs Blutentnahmen vorgesehen, das ist extrem anspruchsvoll. Das Training für die Auswertung der Proben war zudem mangelhaft und entsprechend gab es Lücken in den Ergebnissen. Eigene Auswertungen des BMJ zeigen auch Ungereimtheiten in der Berichterstattung über die Testergebnisse.2
Ein gutes Geschäft war es allemal
Es ist bedauerlich, dass das ganze Ausmaß der Zweifel erst jetzt ans Licht kommt, schon nächstes Jahr könnten Ticagrelor-Generika auf den Markt kommen. Bis dahin hat AstraZeneca sehr viel Geld mit dem Wirkstoff verdient, zuletzt über eine Milliarde US$ jährlich. Und das mit einem Produkt, dessen Zusatznutzen gegenüber Clopidogrel zweifelhaft ist. Letzteres gibt es seit vielen Jahren als preiswertes Generikum. (JS)
- Doshi P (2024) Doubts over landmark heart drug trial: ticagrelor PLATO study. BMJ; 387, p q2550 ↩︎
- Doshi P (2025) Ticagrelor doubts: inaccuracies uncovered in key studies for AstraZeneca’s billion dollar drug. BMJ; 389, p r1201 ↩︎
- Wallentin L et al. (2009) Ticagrelor versus clopidogrel in patients with acute coronary syndromes. NEJM; 361, p 1045 ↩︎