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Studie deckt Missstände auf

Weltweit werden Frauen bei der Geburt ihrer Kinder misshandelt oder diskriminiert. Eine aktuelle Studie aus mehreren Ländern liefert erschütternde Hinweise. Doch auch in Deutschland ist eine Debatte um Patientinnenrechte längst überfällig.

Meghan Bohren und ihr Team untersuchten Geburtspraktiken in vier Ländern geringen und mittleren Einkommens. Sie beobachteten über 2.000 Geburten in jeweils drei Einrichtung in Ghana, Guinea, Nigeria und Myanmar. Zusätzlich wurden fast 2.700 Frauen in den Tagen nach der Entbindung befragt. Die Ergebnisse sind erschreckend: Mehr als ein Drittel der Mütter hat rund um die Entbindung physische oder verbale Misshandlungen sowie Stigma und Diskriminierung durch die behandelnden ÄrztInnen und PflegerInnen erfahren.

Viele Frauen erlebten vor allem in den letzten15 Minuten der Wehen, kurz vor der Geburt ihres Kindes Gewaltanwendung durch ÄrztInnen und anderes medizinisches Personal. Die Häufigkeit der Misshandlungen variierte stark von Land zu Land, die meisten Fälle traten in Nigeria auf. Auffällig häufig waren insbesondere junge Frauen mit einem geringen Bildungsgrad von Misshandlungen betroffen.

Auch die Privatsphäre der Gebärenden wurde häufig verletzt. In einem Drittel der untersuchten Geburten fehlten Vorhänge oder Trennwände während vaginaler und anderer Untersuchungen. Darüber hinaus wurden medizinische Eingriffe häufig ohne das Einverständnis der Frauen vorgenommen. Über 10% der im Rahmen der untersuchten Geburten durchgeführten Kaiserschnitte und 56% (Umfrage) bzw. 75% (Beobachtungen) der durchgeführten Dammschnitte erfolgten ohne Einwilligung der Patientinnen.[1]

Studien weisen darauf hin, dass die Opfer solchen Missbrauchs Gesundheitsangebote seltener in Anspruch nehmen.[2] Hier wird einmal mehr deutlich, dass es nicht ausreicht, bloß den Zugang zu Gesundheitsversorgung und Behandlung sicherzustellen. Ganz im Sinne von Universal Health Coverage muss es immer auch um die Qualität der angebotenen Dienstleistungen gehen, nämlich darum, „sicherzustellen, dass die Qualität der Versorgungsleistungen gut genug ist, um die Gesundheit derjenigen zu verbessern, die sie in Anspruch nehmen.“ [3]  Klare Regeln und Strukturen, die die Rechte von Patientinnen schützen und eine respektvolle und sichere Behandlung garantieren, sind unumgänglich.

Und in Deutschland?

Doch auch hierzulande ist eine Debatte über Gewalt im Kreißsaal längst überfällig. Viele Mütter sprechen inzwischen offen über ihre traumatischen Erfahrungen bei der Geburt und prangern die Missstände an: Ärztliche Willkür, überflüssige schmerzhafte oder gar verletzende Eingriffe wie z.B. ein nicht notwendiger Dammschnitt ohne Einwilligung der Patientin. Die Soziologin Christina Mundlos hat Statistiken ausgewertet und Interviews geführt – zu finden in ihrem Buch „Gewalt unter der Geburt“. Sie geht davon aus, dass rund 50% aller Frauen im Kreißsaal Erfahrungen mit verbalen oder körperlichen Übergriffen macht.[4] Auch wenn die Schätzungen für Deutschland nicht direkt mit den Zahlen aus der Studie von Bohren und KollegInnen verglichen werden können, ein Warnsignal sind sie allemal.  (MB/CJ)

 

Artikel aus dem Pharma-Brief 10/2019, S. 6

[1] Bohren M et al. (2019) How women are treated during facility-based childbirth in four countries: a cross-sectional study with labour observations and community-based surveys.Lancet https://doi.org/10.1016/S0140-6736(19)31992-0 [Zugriff 30.10.2019]

[2] Bohren M et al. (2015) The Mistreatment of Women during Childbirth in Health Facilities Globally: A Mixed-Methods Systematic Review. PLoS Med; 12, p e1001849 https://doi.org/10.1371/journal.pmed.1001847 [Zugriff 30.10.2019]

[3] WHO (2019) Key Facts Universal Health Coverage www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/universal-health-coverage-(uhc) [Zugriff 7.11.2019]

[4] Zit. N. M. Haaf (2018) Fass mich nicht an. Süddeutsche Zeitung 5.5. www.sueddeutsche.de/leben/geburtshilfe-fass-mich-nicht-an-1.3930451 [Zugriff 7.11.2019]

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