Einschüchterungsstrategien der Pharmaindustrie
28. September 2026
Die Drohungen von Big Pharma werden international immer massiver: Werksschließungen, wenn die Preise nicht widerstandslos bezahlt werden, oder gar Stopp der Belieferung. An vorderster Front mit dabei ist die US-Regierung. Kürzlich leitete sie wegen angeblich unfairer Handelspraktiken eine Untersuchung gegen Deutschland ein.1 Dabei ist das Erpressungspotenzial eigentlich begrenzt.
Eine überdurchschnittlich profitable Branche versucht mit wachsendem Erfolg, noch bessere Konditionen für sich durchzusetzen. Der deutsche Pharmalobbyverband Vfa zum Beispiel macht in engem Takt Vorstöße für günstigere Rahmenbedingungen für die Branche, so die Förderung der Biotechproduktion in der EU durch noch längere Marktexklusivität,2 oder die Verwässerung der Nutzenbewertung durch Einführung subjektiver Empfindungen als Maßstab für den Zusatznutzen.3 Argumentiert wird sowohl mit dem Nutzen für die Wirtschaft durch Investitionen und Arbeitsplätze als auch mit der Drohung, es gebe sonst bald keine neuen Medikamente mehr oder sie würden in Deutschland nicht mehr auf den Markt gebracht.
Wirtschaftspolitisch macht das nicht viel Sinn, sozialpolitisch ist es eine Katastrophe: Was die Taschen der Aktionär*innen füllt, leert die Taschen der Krankenversicherten und Erkrankten. Die Nettokosten der deutschen Kassen für Medikamente lagen 2024 bei 55,16 Milliarden Euro, eine Steigerung um rund 10 % gegenüber dem Vorjahr.4 Patentgeschützte Arzneimittel verursachen dabei 54 % der Kosten, obwohl sie nur 7 % der Packungen ausmachen. Dabei bieten rund zwei Drittel aller Neueinführungen den Patient*innen keine Vorteile.5
Standortfaktor wird überschätzt
Obwohl Deutschland mit den Arzneimittelausgaben pro Kopf an der Spitze Europas liegt, trägt die Pharmaindustrie gerade einmal 0,8 % zur Bruttowertschöpfung Deutschlands bei und liegt damit im europäischen Vergleich abgeschlagen auf Platz sieben.6 Die Spitzenreiter erzielen ein Vielfaches: Dänemark eine Bruttowertschöpfung von 4,9 % bei einem Drittel der deutschen Pro-Kopf-Arzneimittelausgaben und die Schweiz eine Wertschöpfung von 4,8 % bei 93 % der deutschen Arzneimittelausgaben. Die Techniker-Krankenkasse resümiert: „Diese Diskrepanz verdeutlicht, dass in einer global vernetzten Industrie hohe Arzneimittelausgaben nicht zwangsläufig zu einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik führen. Hohe Arzneimittelpreise retten keinen Produktionsstandort – gefährden aber die Finanzierbarkeit der Versorgung.“1
Mit den Investitionen ist das überhaupt so eine Sache: Im April 2024 fand in Anwesenheit des damaligen Bundeskanzlers Olaf Scholz ein symbolischer erster Spatenstich für eine zwei Milliarden Euro teure Pharmafabrik von Lilly in Alzey (Rheinland-Pfalz) statt. Es gab dabei eine Koppelung der Investition an das Versprechen, Geheimpreise für Arzneimittel zu ermöglichen, die Bundesregierung lieferte.7 Im Juni 2026 halbierte die Firma jedoch das Projekt, ein erheblicher Teil der versprochenen Stellen wird wegfallen. Begründung: Die Unzufriedenheit mit dem (inzwischen verabschiedeten) Spargesetz für die Krankenkassen.8
Druck aus den USA
Standortentscheidungen werden zudem durch weitere Dynamiken beeinflusst: Im Frühjahr drohten die USA mit hohen Zöllen für Arzneimittelimporte, Ermäßigungen sollte es bei Preissenkungen für den US-Markt geben, keinen Zoll wiederum, wenn Teile der Produktion ins Land verlegt werden. Dahinter steht das Problem der hohen Preise für Arzneimittel in den USA, die deutlich über denen anderer Industrieländer liegen. Statt jedoch über Preissenkungen im eigenen Land nachzudenken, wird gefordert, dass andere Staaten ihre Preise erhöhen. Die exorbitanten Gewinne von Big Pharma in den USA sollen nicht angetastet werden.
Dabei wird der Mythos der Forschungskosten bemüht. „Präsident Trump hat deutlich gemacht, dass amerikanische Patienten keinen unverhältnismäßig hohen Anteil an den weltweiten Kosten für Forschung und Entwicklung im Pharmabereich tragen sollten“, sagte der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer im Juni 2026 anlässlich der Einleitung einer Untersuchung gegen Deutschland wegen angeblich unfairer Handelspraktiken.9 Dabei machen Forschungskosten einen vergleichsweise kleinen Anteil am Produktpreis aus.10
Am 22.9.2026 soll es in Washington D.C. eine Anhörung geben. Der Transatlantic Consumer Dialogue (TACD) bei dem auch die Pharma-Kampagne Mitglied ist, machte dabei eine Eingabe. TACD fordert, die Untersuchung gegen Deutschland einzustellen. Aus der Begründung: „Preiserhöhungen im Ausland werden nichts dazu beitragen, die Preise für Patient*innen in den Vereinigten Staaten zu senken. Es ist widersprüchlich, von anderen Ländern Preiserhöhungen zu fordern und gleichzeitig die Einführung einer internationalen Preisreferenzierung zu planen. Die Politik versäumt es zudem, sich mit dem zutiefst mangelhaften globalen Rahmen zur Förderung der medizinischen Forschung und Entwicklung auseinanderzusetzen, der sich fast ausschließlich auf Maßnahmen konzentriert, die die Arzneimittelpreise in die Höhe treiben – sei es durch die Ausweitung von Rechten des geistigen Eigentums oder durch die Einschränkung der Wirksamkeit von Preisverhandlungen oder -vorschriften. Anstatt die Preise für Patient*innen zu senken, wird diese Preispolitik für Arzneimittel die Gewinne einer der profitabelsten Branchen weiter steigern und Maßnahmen untergraben, die dazu beitragen, die Arzneimittelpreise in Schach zu halten.“11
Abschreckendes Beispiel: Vereinigtes Königreich
Der Handelsbeauftragte hat seine Wünsche an Deutschland schon vor der Anhörung klar formuliert: „Am 2. April 2026 gaben die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich eine bahnbrechende Vereinbarung zur Preisgestaltung bei Arzneimitteln bekannt, die dazu beitragen wird, Investitionen und Innovationen in beiden Ländern voranzutreiben. Deutschland sollte diesem Beispiel folgen und konstruktive Verhandlungen führen, um dieses Ungleichgewicht zu beseitigen.“1
Ein abschreckenderes Beispiel lässt sich allerdings kaum finden. Denn der Inselstaat hat sich von den USA weichkochen lassen: Die britische Regierung sagte zu, die staatlichen Ausgaben für Arzneimittel zu verdoppeln. Dadurch entstehen bis 2036 Mehrausgaben von 44,7 Milliarden Pfund Sterling (ca. 52 Mrd. Euro).12 Das geht nur mit einer Aufweichung der Kosten-Nutzenbewertung und geringeren Rabatten. Da es unwahrscheinlich ist, dass der National Health Service wesentlich mehr Mittel bekommt, muss an anderer Stelle in der Gesundheitsversorgung gespart werden. Eine von der Regierung angefertigte Folgenabschätzung wird geheim gehalten. Drei Wissenschaftler haben sich daran gemacht, diese Wissenslücke zu füllen. Ihre konservative Schätzung: 291.000 zusätzliche Todesfälle bis 2036.12
Australien: Wenn der Markt nicht so lukrativ ist
Down Under wiederum gab es im Juni diesen Jahres einen Aufschrei, als AstraZeneca ankündigte, die niedrigere Dosierung von Goserelin zum 1. November vom Markt zu nehmen.13 Der Wirkstoff ist bei bestimmten Formen von Brustkrebs unentbehrlich. Die Firma begründete den Rückzug mit einem zu niedrigen Preis des australischen Pharmaceutical Benefits Scheme (PBS).14 Erst nach heftigen Protesten ruderte AstraZeneca zurück. Es bietet das Medikament nun kostenlos an. Der Grund für die vermeintliche Großzügigkeit: Damit entfällt der niedrige australische Preis als Vergleichsmaßstab für andere Länder, in denen dann mehr verlangt werden kann. Zudem stellt sich die Frage, ob die Versorgung eines Landes wirklich vom Wohlwollen einer Firma abhängig sein soll.
Was wäre wenn …
Die Pharmabranche lebt davon, ihre Produkte möglichst hochpreisig zu verkaufen. Solange zwischen den zahlenden Abnehmern – in der Regel Sozialversicherern – keine Preistransparenz herrscht und sie sich gegeneinander ausspielen lassen, hat die Industrie leichtes Spiel. Erpressungen, in einem Land Produkte gar nicht mehr anzubieten, wenn der Preis nicht wunschgemäß erhöht wird, funktionieren nur so lange gut, wie es noch genügend Absatzmärkte gibt. Was wäre, wenn sich Staaten zusammentun? Die EU beispielsweise hätte als weltweit zweitgrößter Absatzmarkt durchaus Verhandlungsmacht für bezahlbare Preise. Letztlich ist aber globale Solidarität gefragt. (JS)
- USTR (2026) USTR Announces Initiation of Section 301 Investigation of Germany’s Persistent Underpayment for Innovative Pharmaceutical Products. 18 June [Zugriff 30.8.2026] ↩︎
- Pharma-Brief (2026) EU-Biotechgesetz: Kritik hält an. Nr. 4, S. 6 ↩︎
- Pharma-Brief (2026) EU-Nutzenbewertung: Empfindungen statt harter Fakten? Nr. 4, S. 7 ↩︎
- TK (2026) Arzneimittel-Ausgaben im Fokus. [Zugriff 9.7.2026] ↩︎
- Haas A et al. (2022) Ergebnisse des AMNOG-Erstattungsbetragsverfahrens. In: Schröder H et al. (eds) Arzneimittel-Kompass 2022: Qualität der Arzneimittelversorgung, Berlin/Heidelberg: Springer, S. 257-277 ↩︎
- Bruttowertschöpfung Autoindustrie: 4,5 %, Maschinenbau: 3 % ↩︎
- Pharma-Brief (2024) Gesetz auf Pharmawunsch. Nr. 9, S. 1 ↩︎
- Smolak H und Rybick B (2026) Eli Lilly halbiert Milliarden-Investition in Deutschland. Handelsblatt 3.6. [Zugriff 1.9.2026] ↩︎
- USTR (2026) USTR Announces Initiation of Section 301 Investigation of Germany’s Persistent Underpayment for Innovative Pharmaceutical Products. 18 June [Zugriff 30.8.2026] ↩︎
- Pharma-Brief (2026) Hohe Preise: Forschungskosten spielen untergeordnete Rolle. Nr. 4, S. 8 ↩︎
- TACD (2026) Statement 10 August 30.8.2026 [Zugriff 30.8.2026] ↩︎
- Cross S et al. (2026) Health costs of the UK-US trade deal on pharmaceuticals. BMJ; 394, e340588 ↩︎
- Nur die höhere Dosis bei Prostatakrebs bleibt erhältlich ↩︎
- Dalzell S and Lloyd M (2026) AstraZeneca to provide breast cancer and endometriosis drug Zoladex to patients for free indefinitely. ABC News, 29 July [Zugriff 1.9.2026] ↩︎