Pharma Brief3 C Schaaber web

2021-artikel

Strafen für Big Pharma in den USA

Illegale Aktivitäten gehören offensichtlich zum Geschäftsmodell großer Pharmafirmen. 85% der 26 größten Firmen mussten über einen Zeitraum von 14 Jahren Strafzahlungen leisten, die meisten gleich mehrfach.[1]

Die Zahlen für den Zeitraum 2003-2016, die drei WissenschaftlerInnen aus den USA zusammentrugen, sind beeindruckend.[2] Doppelter Spit­zenreiter war die Firma GlaxoSmithKline mit 27 Verstößen und knapp 10 Milliarden US$ an Strafen. Dennoch machten die Bußen nur 1,55% des Firmenumsatzes im gleichen Zeitraum aus. Unter den 22 Firmen, die es mit dem Gesetz nicht so genau nahmen, finden sich auch zwei Firmen mit Sitz in Deutschland: Bayer mit 13 Verstößen und 603 Mio. US$ Bußgeldern sowie Boehringer Ingelheim mit 7 Verstößen und 416 Mio. US$ Bußen.

Dollarscheine vitph iStockHäufigster Grund für Gerichtsverfahren waren überhöhte Preise für Medikamente, die durch staatliche Programme finanziert wurden (78 Fälle). 50 Verfahren richteten sich gegen Vermarktung für nicht zugelassene Indikationen. Schmiergelder (Kickbacks) zur Umsatzsteigerung (33) und irreführende Vermarktungspraktiken (32) kamen etwa gleich häufig vor. Je 21-mal führten das Verschweigen von negativen Informationen und Umweltvergehen zu Verfahren, die in Bußgelder mündeten. Weitere Gründe waren Bestechung (9), Finanzvergehen (Steuerbetrug oder Insiderhandel, 7-mal) sowie fünf Fälle von Qualitätsmängeln oder der Verkauf von nicht zugelassenen Produkten.

Die Verstöße waren meist kein kurzer Fehltritt, im Mittel dauerten sie je nach Firma zwischen 4 und 11 Jahre an. Einzige Ausnahme war Perrigo, die nur einen Verstoß zu verzeichnen hatte, der sich über ein Jahr erstreckte.

Nur bei vier Firmen machten die Bußen mehr als 1% des Umsatzes aus, Spitzenreiter mit 2,05% war Schering-Plough.[3]Angesichts von wiederholten Verstößen gegen gesetzliche Regeln drängt sich der Verdacht auf, dass Strafen einfach eingepreist werden. Schon seit einiger Zeit gibt es in den USA deshalb die Forderung, die Bußen zu erhöhen und schwere Verstöße mit Haftstrafen für die verantwortlichen ManagerInnen zu belegen.  (JS)

Artikel aus Pharma-Brief 1/2021, S. 5

Bild Dollarscheine © vitpho/iStock

[1] Bei vier Firmen wurden im untersuchten Zeitraum keine Verstöße gefunden: Biogen Idec, Celgene, Gilead Sciences und Hospira.

[2] Arnold DG et al. (2020) Financial Penalties Imposed on Large Pharmaceutical Firms for Illegal Activities JAMA; 324, p 1995

[3] Inzwischen von Merck &Co aufgekauft.


Arbeiten unter erschwerten Bedingungen: Jahresbericht 2020

Gesundheitskrisen erzeugen Handlungsdruck. Sie beschleunigen Innova­tionen und eröffnen Chancen für strukturellen Wandel. Das hat die Covid-19-Pandemie schmerzhaft bewiesen. Neben den vielen Schwierigkeiten, die uns das Corona-Jahr auferlegt hat, hat es zugleich auch Visionen und Ziele beflügelt: Die Rufe nach globalen Gesundheitsstrategien, einem gerechten Zugang zu innovativen Forschungsprodukten, nach internationaler und interdisziplinärer Zusammenarbeit wurden 2020 deutlich lauter.

Nicht zuletzt das One-Health-Konzept, das wir mit unserem Projekt zu Antibiotika-Resistenzen stark in den Fokus genommen hatten, gewann plötzlich eine neue Brisanz. Denn der größte Teil neuartiger Infektionskrankheiten stammt – wie auch Covid-19 – vom Tier. Die komplexen Zusammenhänge der Gesundheit von Tier, Mensch und Umwelt in den Blick zu nehmen, ist das Gebot der Stunde. Nur der Schulterschluss verschiedener Bereiche macht es möglich, neu­artige oder auch resistente Krankheitserreger künftig besser eindämmen zu können.Straßentheater Huhn

Beim Thema Covid-19 hat sich die BUKO Pharma-Kampagne energisch für eine globale Sichtweise engagiert. Schon früh thematisierten wir wunde Punkte der Pandemiekontrolle und haben mit dafür gesorgt, dass der weltweite Zugang zu Impfstoffen ein wichtiges Thema in der öffentlichen Debatte wurde. Unsere neue Webseite zu Covid-19 präsentiert inzwischen die zahlreichen Artikel und Meldungen, die wir zum Thema veröffentlicht haben.

HIV: Kein Ende in Sicht!

Auch HIV/Aids stand weiterhin auf unserer Agenda. Denn Stigmatisierung, Kriminalisierung und hohe Preise schließen immer noch viele Menschen von Prävention und Behandlung aus. Unser neuer E-Learning-Kurs zeigt die vielfältigen Probleme mit gut verständlichen Texten und ansprechenden Fallbeispielen auf. Kurze Videos leiten jedes neue Kapitel ein und geben einen guten Überblick über die vielen Facetten des Themas. Der Kurs ging Mitte 2020 online und verzeichnete bis Jahresende erfreulicherweise bereits 732 Nutzungen. Waren Sie schon dort? Ein Besuch der informativen Webseiten lohnt sich und ist auch auf mobilen Endgeräten möglich! Nach Registrierung und Abschluss des kompletten Kurses können Sie ein Zertifikat erwerben.

Resistente Erreger:
Nicht zu stoppen?

Mit einem 64-seitigen Pharma-Brief Spezial zu Antibiotika-Resistenzen veröffentlichten wir im Frühjahr 2020 die Ergebnisse unserer Länderstudie zu Deutschland, Indien, Tansania und Südafrika. Die Broschüre steht in deutscher und englischer Sprache zur Verfügung. Sie liefert Daten zur Resistenzlage und beleuchtet die Ursachen und Folgen resistenter Erreger bei Menschen, Tieren und in der Umwelt. Die Länderberichte waren richtungsweisend für die Konzeption einer Präsentation: Unsere 16m2 große Wander­ausstellung „Nicht zu stoppen“ bietet mit Stellwänden, Display-Säulen und Monitoren ungewohnte Perspektiven auf die Resistenz-Problematik in Süd und Nord. Im September wurde sie in Steinfurt erstmals öffentlich gezeigt, alle anderen Termine mussten jedoch wegen Covid-19 ausfallen. Sobald es die Infektionslage zulässt, wollen wir die Ausstellung 2021 erneut auf die Reise schicken.

Unsere gleichnamige Online-Ausstellung in völlig anderer Form ging im Oktober 2020 erfolgreich an den Start. Sie integriert zahlreiche Kurzfilme mit authentischen Berichten aus verschiedensten Teilen der Welt. Schauen Sie rein und geben Sie uns Ihr Feedback!

Viel Theater mit Corona

49 Auftritte, viel Sonnenschein und über 2.000 ZuschauerInnen machten unsere Theatertournee zu Antibiotika-Resistenzen trotz erschwerter Bedingungen zum vollen Erfolg. Die SchauspielerInnen überzeugten mit einem überwiegend pantomimischen Maskentheater. Doch nicht nur hier machte uns die Corona-Pandemie bzw. der erhebliche Mehraufwand zu schaffen. Mehr als ein Dutzend Veranstaltungen, die wir allein oder gemeinsam mit anderen Akteuren vorbereitet hatten, mussten entfallen oder verschoben werden. Andere Aktivitäten wurden komplett neu geplant oder abgewandelt, um sie Covid-19 kompatibel zu machen. All das kostete viel zusätzliche Mühe.Abstand halten Hinweis

Viel Gehör gefunden

Trotzdem haben MitarbeiterInnen der Kampagne – digitaler Technik sei Dank – an über 50 Veranstaltungen teilgenommen. Die Pharma-Kampagne hat 13 Aufrufe und offene Briefe unterstützt und zudem eine äußerst erfolgreiche Pressearbeit geleistet: 51 JournalistInnen gaben wir Auskunft und insgesamt 65 Medienberichte thematisierten unsere Arbeit. Beeindruckend ist dabei die Bandbreite der Themen und Presseorgane: So führten wir Hintergrundgespräche mit Redakteuren des Spiegels, von ARD und ARTE zu diversen Themen mit Pharmabezug. Über die fehlende Transparenz bei klinischen Studien berichtete der Süddeutsche Rundfunk, das Deutsche Ärzteblatt, die Süddeutsche Zeitung und die Deutsche Apotheker Zeitung. Selbst die Apotheken-Umschau widmete der Thematik einen zweiseitigen Artikel.

Corona: Vernachlässigte Aspekte

Einen besonderen Schwerpunkt unserer Pressearbeit bildete gezwungenermaßen die Covid-19-Pandemie. Die Pharma-Kampagne veröffentlichte hierzu drei eigene Pressemitteilungen und über 100 Beiträge in sozialen Medien. Immer wieder war unsere kritische Einschätzung und Stellungnahme gefragt. Dem Evangelischen Pressedienst, Frontal 21, Report München oder auch dem NDR lieferten wir z.B. Hintergründe zur Covid-19-Forschung. Dem ARD Mittagsmagazin gaben wir Auskunft zu den Akteuren in der Pharmaforschung. Häufig kreisten Pressegespräche um Hürden des globalen Zugangs zu Impfstoffen, etwa bei WDR 5 oder der Deutschen Welle. Beiträge mit O-Tönen der Pharma-Kampagne brachten außerdem The Nation/USA, Times of Oman, Deutschlandfunk, Neues Deutschland oder die Zeitschrift Weltsichten.

Berichterstattung rund um unser Projekt zu Antibiotika-Resistenzen gab es besonders im Zeitraum unserer Theatertournee, die der Problematik größere Aufmerksamkeit verschaffte. Selbst in der Tagesschau kam die Pharma-Kampagne zu diesem Thema zu Wort.

Daneben waren auch hohe Preise für Krebsmedikamente ein Arbeitsbereich mit guter Presseresonanz: Das ARD Fernsehen plant dazu einen längeren Sendebeitrag und führte ein Interview mit Jörg Schaaber. Der FAZ lieferten wir Informationen und Zitate für den Artikel „Heilung um jeden Preis“.

Was gibt’s Neues?

Im vergangenen Jahr haben wir uns an die Suchmaschinen-Optimierung unserer Website herangetastet und werden hier auch 2021 am Ball bleiben. Unter anderem wird es demnächst größere Veränderungen auf unserer Startseite geben. Sie dürfen gespannt sein…

Und auch beim Pharma-Brief gibt es positive Neuerungen: Ende 2020 haben wir mit der Digitalisierung unserer Pharma-Brief-Artikel begonnen. Seit Ausgabe 7/2020 stehen nun alle Artikel auch einzeln online. Sie müssen nicht mehr umständlich eine PDF öffnen und bis zum gesuchten Beitrag blättern. Auch können die Beiträge nun leichter über Suchmaschinen gefunden oder von anderen Akteuren verlinkt werden. Für unsere Arbeit ist das ein großer Gewinn. Wir arbeiten daran, auch ältere Artikel nach und nach einfacher zugänglich zu machen.

Ohne die Unterstützung durch unsere Spenderinnen und Spender hätten wir all das nicht stemmen können! Auch die schnelle und unbürokratische Umwidmung von Geldern durch die Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW hat sehr dazu beigetragen, dass wir unsere Projekte in diesem schwierigen Jahr erfolgreich durchführen konnten. Ein großes Dankeschön an alle, die unsere Arbeit kontinuierlich fördern und damit Veränderung möglich machen!  (CJ)

Artikel aus Pharma-Brief 1/2021, S. 6

Bilder © Claudia Jenkes


Lateinamerikanische Staaten sollen für Fehler der Firma haften

Bei den rücksichtslosen Verhandlungen mit lateinamerikanischen Ländern pocht der Pharma-Gigant auf Schadensersatz auch bei selbstverschuldeten Problemen. Argentinien und Brasilien sollten sogar Staatsvermögen als Sicherheit einsetzen, um mögliche spätere Prozesskosten bezahlen zu können. In Peru dauerten die Verhandlungen fast sechs Monate. Im September 2020 wurde der Vertrag abgeschlossen. Er beinhaltet Klauseln, die die Firma bei Nebenwirkungen oder verspäteter Lieferung der Impfstoff-Chargen, teilweise von Schadensersatzforderungen freistellt.

Pfizer wird vorgeworfen, lateinamerikanische Länder bei den Covid-19 Impfstoff-Verhandlungen zu schikanieren. Mindestens in einem Fall haben die überzogenen Forderungen der Firma den Vertragsabschluss um drei Monate verzögert. Im Fall von Argentinien und Brasilien kam es am Ende zu keinem Vertragsabschluss.


Rückblick auf unsere ABR-Fachkonferenz

Der massive Verbrauch von Antibiotika fördert Resistenzen (ABR) und hat dramatische Auswirkungen auf die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt. Alle drei Bereiche sind eng verknüpft. Daher ist entschlossenes Handeln gefragt, aber auch eine kohärente Politik. Eine zweitägige internationale Fachkonferenz der BUKO Pharma-Kampagne analysierte die gegenwärtigen Problemfelder und zeigte mögliche Handlungsstrategien auf.

Rund 160 Fachleute aus 10 Ländern diskutierten am 30.4. und 1.5.2021 auf Einladung der BUKO Pharma-Kampagne bei einer Online-Konferenz die globale Resistenzproblematik im Bereich Mensch, Tier und Umwelt. Ziel der Tagung war es, den internationalen und interdisziplinären Austausch zum Thema zu fördern, Lösungsansätze zu kommunizieren und damit auch Akteure aus der Politik zu erreichen.

„One World – One Health“ lautete der Konferenz-Titel und der Name war Programm: Gemäß dem One Health-Ansatz der WHO sollten Antibiotika-Resistenzen sektorübergreifend und global betrachtet werden. Neben ÄrztInnen, PharmazeutInnen und GesundheitswissenschaftlerInnen waren auch Fachleute aus der Veterinärmedizin, der Landwirtschaft und aus dem Umweltbereich zugegen.

Impulsvorträge aus vier Ländern

Fachleute aus verschiedenen Teilen der Welt waren am ersten Konferenztag zugeschaltet und präsentierten in ihren Keynotes kritische Analysen der lokalen Problemlage sowie Best Practice-Beispiele. Dieser internationale Konferenzteil fand in englischer Sprache statt.

Gopal Dabade, Arzt und Vorstand des All India Drug Action Network, richtete zunächst den Blick auf Indien. Er erläuterte die Zusammenhänge von Armut und Antibiotika-Resistenzen am Beispiel von Tuberkulose. Schlechte medizinische Versorgung, unzureichende Labortechnik und fehlende soziale Sicherungssysteme seien entscheidende Treiber der Resistenzentwicklung. Denn sie begünstigen Fehlbehandlungen durch informelle ÄrztInnen oder HeilerInnen sowie vorzeitige Therapieabbrüche wegen Geldmangels, so Dabade. Auch schlechte Wohnverhältnisse – insbesondere in städtischen Slums – forcieren die Ansteckung und die Ausbreitung von multiresistenten Erregern. Eine grundlegende Verbesserung der Lebensverhältnisse und der Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung seien daher maßgeblich, um Resistenzen einzudämmen.

Andy Gray, Senior Lecturer für Pharmazie an der Universität KwaZulu-Natal in Durban, legte den Fokus auf den Antibiotika-Verbrauch in Südafrika. Hohe Verschreibungszahlen seien einerseits durch eine hohe HIV-Infektionsrate und damit einhergehenden bakteriellen Erkrankungen bedingt, andererseits Folge von Fehlverschreibung und -gebrauch. Als wirkungsvolle Maßnahme beschrieb er Südafrikas Antibiotic Stewardship Program, das in Krankenhäusern die Kommunikation zwischen MedizinerInnen, PharmazeutInnen und Pflegepersonal verbessert und damit rationale Therapieentscheidungen fördert.

Erick Venant, Pharmazeut und Gründer der Roll Back Antimicrobial Resistance Initiative in Tansania, berichtete ausführlich über Bildungsprojekte an Schulen und Social Media-Kampagnen als wirksames Instrument im Kampf gegen ABR. „Bildung ist der Schlüssel, um Antibiotika-Resistenzen effektiv zu bekämpfen“, so Venant.

Der Mikrobiologe und Infektions-Epidemiologe Dr. Gerhard Schwarzkopf-Steinhauser präsentierte Daten zur Resistenzlage in Deutschland. Er monierte u.a. ein lückenhaftes Resistenz-Monitoring. Es gebe zwar eine Verpflichtung zur Erfassung von Resistenzen, jedoch keine Meldepflicht der Labore. Nur rund ein Viertel der Krankenhäuser und ein Bruchteil der Arztpraxen seien an das Meldesystem des Robert Koch Instituts (RKI) angeschlossen.

Forderungen an die Politik

Im Anschluss an die Impulsvorträge wurden die Konferenzgäste durch eine Online-Ausstellung der BUKO Pharma-Kampagne zu Antibiotika-Resistenzen geführt. In drei Breakout-Räumen unternahmen sie eine virtuelle Reise durch die Themenbereiche Mensch, Tier und Umwelt. Kurzfilme und ReferentInnen aus verschiedenen Ländern lieferten jeweils Impulse für die Diskussion. Abschließend wurden in den Kleingruppen Ziele und Handlungsempfehlungen erarbeitet. Deutlich wurde dabei, dass beim Thema Antibiotika-Resistenzen bisher vor allem die Humanmedizin im Fokus steht, zunehmend auch die Tiermedizin. Das System Landwirtschaft mit seiner Massentierhaltung und erst recht die Umwelt werden jedoch weitgehend ignoriert und kommen in Aktionsplänen kaum vor. Das untergräbt nicht nur den One Health-Ansatz, es verzögert auch effektives und kohärentes Handeln.ABR Konferenz

Die in den Workshops aufgestellten politischen Forderungen flossen am nächsten Morgen in eine Podiumsdiskussion ein. Hier diskutierten drei Abgeordnete aus dem NRW Landtag – allesamt SprecherInnen ihrer Partei in Sachen Verbraucherschutz und Landwirtschaft – mit Bernhard Burdick von der Verbraucherzentrale NRW und dem Journalisten Christian Baars vom NDR, dessen Arbeitsschwerpunkt auf Gesundheitsthemen und Antibiotika-Resistenzen liegt. Die äußerst lebhafte Debatte thematisierte vor allem Landwirtschaft, Tierhaltung und Verbraucherschutz. Zur Sprache kamen etwa Dumpingpreise bei Fleischwaren, inakzeptable Haltungsbedingungen bei der Mast, fehlende Transparenz für VerbraucherInnen, Fragen des Gewässerschutzes sowie notwendige Systemveränderungen. Dass hier heiße Eisen angepackt werden müssen, zeigte sich auch im Chatverlauf sehr deutlich: Das Publikum lieferte zahlreiche Kommentare und Diskussionsbeiträge, die durch einen Anwalt des Publikums eingebracht wurden.

ABR – die globale Pandemie

Der zweite Konferenzteil lenkte den Blick stärker auf Deutschland. Er fand in deutscher Sprache statt und begann mit einem Impulsvortrag von Dr. Tim Eckmanns, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin und Leiter des Fachgebiets Nosokomiale Infektionen, Surveillance von Antibiotikaresistenz und -verbrauch am Robert Koch-Institut. Eckmanns erläuterte, welche Herausforderungen es in Deutschland und weltweit zu bewältigen gilt. Dabei verglich er die globale Ausbreitung von Antibiotika-Resistenzen mit der aktuellen Covid-19-Pandemie. Auch bei ABR seien alle Voraussetzungen einer Pandemie erfüllt: Resistente Erreger werden jeweils in unterschiedlicher Häufigkeit in den einzelnen Ländern übertragen, betroffene PatientInnen können schwer erkranken oder sterben und die Infektionserreger werden durch Reisen sowie internationalen Handel weltweit verbreitet. Deutschland habe diese Problematik erkannt und mit dem Infektionsschutzgesetz entsprechende Maßnahmen ergriffen. Aber es gelte, auch weltweit Verantwortung zu zeigen und beim Thema ABR stärker global zu agieren.

Im Fokus: Mensch

Im Folgenden gab es jeweils einen Fokus-Teil zum Bereich Mensch, Tier und Umwelt. ExpertInnen aus Human- und Tiermedizin, Gesundheitswissenschaften und Agrarwissenschaften stellten ihre Analysen und wissenschaftlichen Untersuchungen vor. Verschiedene Hotspots der Resistenzentwicklung wurden dabei unter die Lupe genommen. Jeder Fokus-Teil startete mit einer kurzen Theaterszene – Aufzeichnungen einer Aufführung der Straßentheatergruppe Schluck & weg aus dem vergangenen Jahr.

Im Fokus-Teil Mensch thematisierte der Kinderarzt Roland Tillmann die viel zu häufigen Antibiotika-Verschreibungen in Arztpraxen. Er berichtete über das Bielefelder Modellprojekt AnTiB, das durch die interaktive Entwicklung von Leitlinien auf lokaler Ebene die Verschreibungskultur nachhaltig verändert hat.

Jens Holst, Professor für Medizin mit Schwerpunkt Global Health am Fachbereich Pflege- und Gesundheit der Hochschule Fulda betrachtete Antibiotika-Resistenzen als systemische Herausforderung. Mit Medizintechnologie und Medikamenten allein wird man das Problem nicht in den Griff bekommen, so Holst. Notwendig sei „eine angemessene Beachtung aller gesundheitsrelevanten Politik- und Lebensbereiche wie Bildung, Arbeit, Wohnen, Ernährung, Verkehr, Umwelt, Sicherheit, Familie oder Freizeit“.ABR Vorschlaege

Im Fokus: Tier

Im Fokus-Teil Tier präsentierte Dr. Julia Steinhoff-Wagner die Ergebnisse einer Studie, die sie an der Landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Bonn durchgeführt hat. Die Agrarwissenschaftlerin schilderte nicht nur eingehend die Problemlage im Bereich Nutztierhaltung. Sie stellte auch effektive Maßnahmen im Tiergesundheits-Management vor, um den Antibiotika-Einsatz in der Tierproduktion wirksam zu reduzieren. So hätten Reinigungs- und Desinfektionsmaßnahmen, eine veränderte Fütterung, aber auch geringere Tierdichte und kleinere Gruppen aus Sicht der Wissenschaft zwar positive Auswirkungen auf die Tiergesundheit. Aus Sicht der Veterinärämter würden diese Maßnahmen jedoch negativ bewertet – vor allem, weil es schwierig ist, eindeutige Nachweise für den Nutzen der Maßnahmen zu erbringen. Die Erhebung umfassender Daten ist für die Betriebe kaum praktikabel. Eine überbetriebliche Auswertung von Daten zum Gesundheits-Monitoring und Beratung der LandwirtInnen könne hier einen deutlichen
Mehrwert bieten. Letztlich müssten sich Nachhaltigkeitsinvestitionen und speziell Tierbeobachtungsleistungen für die LandwirtInnen aber auch lohnen.

Stig Tanzmann, Agrarexperte bei Brot für die Welt, skizzierte die aktuellen Problemfelder in den Bereichen Lebensmittelproduktion, Ernährung und globaler Handel. Er belegte mit aktuellen Zahlen, dass die deutsche Landwirtschaft vor allem bei der Fleischproduktion zu einem führenden Exporteur von Billigwaren geworden ist – Gemüse und Obst würden dagegen kaum noch auf deutschen Äckern produziert. Tanzmann plädierte für eine Wende in der Agrarpolitik und skizzierte Wege aus der Krise. Notwendig sei eine Abkehr von Intensivtierhaltung, Qualzucht und massivem Fleischkonsum.

Im Fokus: Umwelt

Der Fokus-Teil Umwelt begann mit einer Präsentation von Dennis Schmiege, Doktorand im Fachbereich Geografie der Universität Bonn. Schmiege hatte im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung am Institut für Urban Public Health der Uniklinik Essen das Vorkommen multiresistenter E. coli Erreger in häuslichen Abwässern untersucht. Das Ergebnis: Haushalte spielen eine wichtige Rolle beim Eintrag resistenter E. coli-Keime in das kommunale Abwasser. Besonders hoch ist die Konzentration resistenter Bakterien in den Wintermonaten. In den Wohngebieten gut situierter BürgerInnen in Stadtrandlage war die Keimbelastung außerdem weitaus niedriger als in sogenannten Brennpunktvierteln.

Prof. Martin Exner berichtete über Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt HyReKA, das Antibiotika-Resistenzen im Wasserkreislauf untersucht hat. Bis 2020 leitete er das Institut für Hygiene und öffentliche Gesundheit der Uniklinik Bonn. Exner hob insbesondere die Bedeutung des Abwasserreservoirs im Krankenhaus hervor: „Wir finden so besorgniserregende hohe Konzentrationen im Waschbecken, Dusch- und Toiletten-Abwasser, denen der Patient direkt exponiert ist, wie wir es in weiteren Bereichen des Abwasser und auch in Flüssen niemals finden. Die Ergebnisse des HyReKA Projektes waren eine wichtige Motivation zur Erstellung der Empfehlung der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention beim RKI, die 2020 erschien.“ Paul Kröfges, Gewässerschutzexperte des BUND, plädierte deshalb dafür, Kläranlagen, in die Klinikabwässer eingeleitet werden, mit einer zusätzlichen Reinigungsstufe auszustatten. Mit herkömmlicher Klärtechnik ließen sich weder antibiotische Rückstände noch multiresistente Keime effektiv herausfiltern.

Politische Forderungen und Strategien

Nach den drei Fokus-Teilen weitete Astrid Berner-Rodoreda, die am Heidelberger Institut für Global Health forscht, den Blick noch einmal für die globale Perspektive: „Wo bleibt das Globale?“ lautete der Titel Ihres Vortrags, der u.a. das fehlende Forschungsengagement der EU in den Blick nahm.

Abschließend wurden in mehreren Arbeitsgruppen Strategien entwickelt und Pläne für die weitere politische Arbeit geschmiedet. Die Zivilgesellschaft sei bisher beim Thema Antibiotika-Resistenzen  zu wenig aktiv, hieß es in der Diskussion. Sie müsse dringend eine prominentere Rolle einnehmen, um die Probleme im Bereich Mensch, Tier und Umwelt gezielt in die Öffentlichkeit zu tragen. Die TeilnehmerInnen befürworteten unter anderem eine gemeinsame Aktion verschiedenster zivilgesellschaftlicher Organisationen zur Weltantibiotikawoche im November, ein Fachtreffen zur Planung soll im frühen Herbst stattfinden.

Besuchen Sie unsere Konferenz-Webseite!

Sämtliche Dokumente und Aufzeichnungen zu unserer Konferenz finden Sie unter https://bukopharma.de/konferenz/index.html. Unsere Konferenz-Webseite bietet sämtliche Vorträge als Video und auch als pdf-Dokument. Die Podiumsdiskussion vom 1. Mai können Sie sich hier ebenfalls noch einmal ansehen. Auch unser Forderungskatalog steht zum Download bereit. Ein Strategiepapier ist noch in Arbeit, wird aber ebenfalls zu einem späteren Zeitpunkt auf der Webseite zu finden sein.  (CJ)

Bilder © Jörg Schaaber
Artikel aus dem Pharma-Brief 5/2021, S.4


Erfolgsmodell mit kleinen Schönheitsfehlern

Seit zehn Jahren wird bei allen neuen Medikamenten in Deutschland geprüft, ob sie PatientInnen tatsächlich besser helfen als die bislang verwendeten. Zeit für eine Bilanz.

Am 1. Januar 2011 trat das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz – kurz AMNOG – in Kraft. Hinter dem Wort­ungetüm steht ein klarer Auftrag: die systematische Prüfung des Nutzens aller Neueinführungen auf dem deutschen Arzneimittelmarkt. Das Gesetz verfolgt zwei Ziele: die Versorgung zu verbessern und die Krankenversicherung finanzierbar zu halten.

Die wichtigste Erkenntnis aus beinahe 500 Bewertungen (siehe Grafik auf S. 3):[1] Fast die Hälfte der neuen Medikamente (43%), die in den letzten zehn Jahren neu auf den Markt gekommen sind, bieten den PatientInnen keine Vorteile im Vergleich zu der bisher üblichen Behandlung. Gerade einmal 2% sind tatsächlich therapeutische Durchbrüche, immerhin 20% bringen beträchtliche Vorteile, aber 16% sind nur geringfügig besser. Problematisch ist der hohe Anteil der Medikamente mit unklarem Zusatznutzen (19% „nicht quantifizierbar“): Hier ist die Datenlage dermaßen unklar, dass man noch gerade erkennen kann, dass es vermutlich Vorteile gibt, aber sie unmöglich quantifizierbar sind.

All dies bietet jedoch ein zu rosiges Bild. Die genannten Zahlen beziehen sich auf die beste Bewertung eines Wirkstoffs. Häufig bieten neue Medikamente aber nicht allen Erkrankten Vorteile. Wenn die Urteile auf die unterschiedlichen PatientInnengruppen heruntergebrochen werden, findet sich bei rund 60% kein Zusatznutzen.

Dazu kommt: Medikamente gegen seltene Krankheiten (Orphan Drugs)[2] bekommen ohne Prüfung einen Zusatznutzen bescheinigt, solange sie die Krankenversicherung nicht mehr als 50 Millionen Euro pro Jahr kosten. Hier kann der Zusatznutzen also völlig fiktiv sein. Er ist gesetzlich vorgeschrieben, statt auf einer wissenschaftlichen Bewertung zu beruhen. Diese juristisch bedingte Bevorzugung betrifft jede fünfte Bewertung.[3]

Schlechte Studien

Vor allem bei den Waisenmedikamenten ist die Studienlage oft unbefriedigend. Die Zahl der untersuchten PatientInnen ist nicht selten unnötig klein oder die Dauer der Studien zu kurz, was sichere Aussagen über den Nutzen unmöglich macht. Es gibt oft keine Vergleiche gegen andere Behandlungsstrategien, obwohl sie vorhanden sind. Und mitunter wird gar nicht gemessen, was für die Betroffenen tatsächlich spürbare Verbesserungen bringt. Aufgrund dieser Unsicherheiten machen Waisenmedikamente den Löwenanteil der Medikamente mit nicht quantifizierbarem Zusatznutzen aus.Nutzenbewertung

Allerdings wird auch bei anderen neuen Wirkstoffen allzu oft kein direkter Vergleich zu existierenden Medikamenten gemacht. Dadurch ist es fast unmöglich zu beurteilen, ob die Neuerung tatsächlich einen Vorteil bietet. Während sich die Hersteller zu Anfang des AMNOGs noch darauf berufen konnten, dass die Nutzenbewertung viel zu neu sei und die Zulassungsbehörden sich doch mit dem Vergleich gegen Placebo zufriedengegeben hätten, zieht dieses Argument heute nicht mehr – es wird von den Firmen aber trotzdem immer noch bemüht. Ein Trend zu mehr direkt vergleichenden Studien ist leider nicht zu erkennen. Insofern vergoss der Chef des Pharmaverbandes Vfa kürzlich Krokodilstränen, als er beklagte, dass fast die Hälfte der Studien vom G-BA für die Nutzenbewertung nicht berücksichtigt würde.[4] Das liegt nämlich einfach daran, dass sie dafür schlicht ungeeignet sind. Über die Jahre liegen für rund die Hälfte der neuen Medikamente keine direkten Vergleiche zum bisherigen Therapiestandard vor.[5]

Ein Problem sind auch die oft verfrühten Zulassungen bei noch gar nicht abgeschlossenen Studien. Solche Zwischenauswertungen lassen die Neuerungen manchmal in einem zu positivem Licht erscheinen. Zwei krasse Fälle betrafen zwei Krebsmedikamente, die vom G-BA einen Zusatznutzen zugesprochen bekamen. Später stellte sich heraus, dass der Wirkstoff Olaratumab unwirksam ist[6] und Ingenolmebutat Hautkrebs sogar häufiger macht.[7] Beide Mittel wurden verboten.

Her mit den Daten

Deutschland war mit der Einführung einer Nutzenbewertung spät dran. Andere europäische Staaten haben einen solchen Realitäts-Check schon seit vielen Jahren. Dafür bietet das deutsche Gesetz aber einen bedeutsamen Vorteil im Vergleich zu unseren Nachbarländern. Es verpflichtet nämlich den Anbieter, die vollständigen Studiendaten zu seinem Produkt zur Bewertung einzureichen, also auch den Teil, der gewöhnlich selbst für die Fachwelt unsichtbar bleibt.

Um sich ein Bild von solchen Geheimniskrämereien zu machen, ein Vergleich: Aus allen öffentlichen Quellen zusammengenommen[8] sind gerade einmal gut die Hälfte aller Studien­ergebnisse verfügbar, im AMNOG-Verfahren sind es dagegen nahezu 90%.[9] Das erlaubt eine viel fundiertere Einschätzung zum tatsächlichen Nutzen eines neuen Präparats.

Transparenz macht den Unterschied

Dazu ein Beispiel: Während das für England und Wales zuständige NICE dem Brustkrebsmedikament Palbociclib einen Zusatznutzen zusprach, konnte der G-BA keine Vorteile entdecken. Der Unterschied: Bei den Nachbarn lagen nur unvollständige Informationen zu dem Medikament vor. Der Hersteller behauptete, er hätte noch keine Daten dazu, ob die Frauen durch das neue Medikament tatsächlich länger überleben, aber bestimmte Messwerte gäben einen starken Hinweis dafür. Aufgrund der vollständigen Daten konnte in Deutschland demgegenüber errechnet werden, dass kein Überlebensvorteil durch Palbociclib vorhanden war. In England wurden die entscheidenden Angaben für die Bewertung vor der Veröffentlichung der Daten geschwärzt.[10] Es bleibt deshalb unklar, welche Zahlen dem NICE für die Entscheidung vorlagen. Die Begründung der Behörde bezog sich nicht auf einen Überlebensvorteil, sondern lediglich auf die besseren Messwerte, offensichtlich ein Trugschluss.

Verbesserungen angestoßen

In einem Punkt haben die Anbieter durch das Nutzenbewertungsverfahren auf jeden Fall dazugelernt. Während es zu Beginn des AMNOG-Verfahrens nur selten Daten zur Lebensqualität gab, legen heute drei Viertel der Anbieter auch Angaben vor, ob sich die PatientInnen durch die Behandlung mit dem neuen Präparat auch wirklich besser fühlen. Allerdings geschieht das oft noch halbherzig: Denn wenn die Lebensqualität nur bis zum Zeitpunkt einer Verschlechterung der Erkrankung gemessen wird (also z.B. zum Zeitpunkt, wo sich bei Krebs Metastasen bilden), fehlen wesentliche Informationen. Für die Erkrankten ist es aber sehr wichtig zu wissen, wie gut es ihnen in der verbleibenden Lebensspanne noch gehen mag.

Kräftig gespart

Finanziell hat die Nutzenbewertung die Krankenkassen und damit alle Versicherten deutlich entlastet. Zwar wurde erst nach acht Jahren, 2018, die vom Gesetzgeber angepeilte jährliche Ersparnis von zwei Milliarden Euro erreicht, für 2020 wurden aber durch die ausgehandelten Rabatte schon fast vier Milliarden Euro eingespart. Trotzdem bleiben die rasant steigenden Preise für neue Arzneimittel, die inzwischen bis in den Millionenbereich pro PatientIn reichen, ein Problem.

Was kommt in der Praxis an?

Ein Kritikpunkt am AMNOG-Verfahren ist, dass die detaillierten Erkenntnisse darüber, welche Medikamente für welche Zielgruppen Vorteile bringen, in der Krankenversorgung nicht ankommen. Ein Indiz dafür ist, dass auch neue Medikamente, die keinerlei Zusatznutzen haben, häufig verordnet werden. Damit sich das ändert, hat der Gesetzgeber verfügt, dass die Ergebnisse der Nutzenbewertung auf den Computern in Arztpraxen dargestellt werden müssen. Auch PatientInnen können sich selber schlau machen. Auf den Seiten des IQWiG gibt es verständliche Zusammenfassungen der Vor- und Nachteile von neuen Arzneimitteln.[11]

10 jahre amnogVerbesserungen möglich

Um die Preisspirale zu durchbrechen, gibt es mehrere Vorschläge. Der wichtigste ist vielleicht die rückwirkende Preisfestsetzung. Denn bislang beginnt der ausgehandelte Rabatt für ein neues Arzneimittel erst nach zwölf Monaten. Auf diese Weise können Anbieter – auch die, die ein Mittel ohne jeden Zusatznutzen auf den Markt bringen – ein Jahr lang kräftig absahnen.

Ein besonderes Problem sind die teuren Krebsmedikamente. Wenn die Vergleichstherapie schon 50.000 € oder mehr kostet, bedeutet ein neues Mittel für den Anbieter selbst dann ein gutes Geschäft, wenn wegen fehlenden Zusatznutzens kein höherer Preis erzielt werden kann.

Ein weiterer Vorschlag betrifft den oft enorm hohen Anfangspreis. Firmen sollen offenlegen, wie viel Geld sie in die Forschung gesteckt haben – und inwieweit ihr Produkt auch auf den Ergebnissen staatlich geförderter Forschung an Universitäten und öffentlichen Instituten beruht.

Auch die Nutzenbewertung sollte in einigen Punkten strenger werden. Der Freibrief für Waisenmedikamente unter 50 Millionen Euro Jahresumsatz muss entfallen, und Arzneimittel, die unter Auflagen zugelassen wurden, sollten immer nur eine befristete Bewertung erhalten.[12] Bei solchen Arzneimitteln kann der G-BA inzwischen vom Anbieter weitere anwendungsbegleitende Studien verlangen, um die Erkenntnislage zu verbessern. Bislang fehlt es aber an Sanktionsmöglichkeiten, wenn diese Auflage nicht erfüllt wird.

Undurchsichtige Expertise

Ein weiterer Schwachpunkt des Verfahrens bleibt voraussichtlich noch länger erhalten: Die Intransparenz bei den an Anhörungen beteiligten ExpertInnen. Sie stellen einen wichtigen Beeinflussungsfaktor bei der Nutzenbewertung dar. Während bei den IndustrievertreterInnen offensichtlich ist, welche Interessen sie vertreten, bleibt bei VertreterInnen von Fachgesellschaften die Verstrickung mit den Anbietern der diskutierten Arzneimitteln undurchsichtig – und nicht wenige pflegen enge Kontakte zu den Firmen. Es müssen bei den Anhörungen zwar detaillierte Erklärungen zu Interessenkonflikten vorgelegt werden, diese sind aber nur in absolut kondensierter Form auf der Website des G-BA einzusehen. So kann die Öffentlichkeit nicht mehr erkennen, dass Professor X zwar offiziell eine Fachgesellschaft vertritt, aber gleichzeitig dem Hersteller als Berater für genau das Produkt dient, über dessen Nutzen gerade diskutiert wird. Als Argument gegen eine vollständige Veröffentlichung wird der Schutz persönlicher Daten vorgebracht. Aber oft hat derselbe Professor gar kein Pro­blem, (einen Teil seiner) Interessenkonflikte in internationalen Fachzeitschriften relativ detailliert anzugeben, weil diese sonst den Artikel schlicht nicht veröffentlichen würden.

Bei allen Fortschritten, die das AMNOG gebracht hat, gibt es also noch einigen Verbesserungsbedarf.  (JS)

Eine kürzere Vorfassung dieses Artikels erschien in Gute Pillen – Schlechte Pillen (2021) Nr. 3, S. 18 

Screenshot Nutzenbewertung ©Auszug aus dem Pharma-Brief
Grafik Zusatznutzen © www.g-ba.de/service/veranstaltungen/10-jahre-amnog 

Artikel aus dem Pharma-Brief 3-4/2021, S.1

 

[1] G-BA-Tagung „10 Jahre AMNOG“ am 19.3.2021 www.g-ba.de/service/veranstaltungen/10-jahre-amnog

[2] Orphan Drugs (Waisenmedikamente) Arzneimittel gegen Krankheiten, von denen nicht mehr als 5 von 10.000 Menschen betroffen sind

[3] Bewertungen bis 31.12.2019. Storm A (Hrsg.) (2020) AMNOG-Report 2020. S. 215

[4] Han Steutel (Vfa) auf der G-BA-Tagung „10 Jahre AMNOG“ am 19.3.2021

[5] Thomas Kaiser (IQWiG) auf der G-BA-Tagung „10 Jahre AMNOG“ am 19.3.2021

[6] Pharma-Brief (2019) Zu früh ist unzuverlässig. Nr.1, S. 4

[7] Pharma-Brief (2020) Ungesunde Eile. Nr. 2, S. 6

[8] Veröffentlichung in Fachzeitschriften, Bericht der Zulassungsbehörde, Studienregister

[9] Untersucht anhand von 15 AMNOG-Verfahren. Köhler M. u.a. (2015) BMJ; 350, S. h796

[10] Pharma-Brief (2019) Die nächste Schlappe. Nr. 2, S. 6

[11] www.gesundheitsinformation.de/vom-iqwig-bewertete-wirkstoffe.html

[12] Für Orphan Drugs mit bis zu 50 Mio. € Umsatz führt der G-BA selbst eine Teilbewertung durch.


EU-Maßnahme gegen Aspen lenkt den Blick auf globale Preishürden

Die EU-Kommission hat Anfang Februar die Verpflichtungszusagen der Firma Aspen Pharmacare für bindend erklärt. Der jahrelange Streit mit dem Hersteller um extreme Kosten und geringe Verfügbarkeit von sechs Arzneimitteln soll damit beigelegt werden.

Konkret geht es um die Wirkstoffe Melphalan, Chlorambucil, Mercaptopurin, Tioguanin und Busulfan, die bei der Behandlung verschiedener Formen von Blutkrebs eingesetzt werden. Aspen hatte die Herstellung der Präparate 2012 nach Auslauf des Patentschutzes übernommen – und anschließend die Preise nach oben gejagt. Die EU antwortete 2017 mit einem Prüfverfahren und warf dem Hersteller vor, seine Marktmacht zu missbrauchen: „Selbst nach Berücksichtigung einer angemessenen Rendite hätten die Preise durchschnittlich um fast 300 Prozent über den relevanten Kosten gelegen, so die Kommission, wobei der Überschuss von Produkt zu Produkt und von Land zu Land unterschiedlich groß ausgefallen sei.“[1] Deutschland war als eines der ersten europäischen Länder von den Preissprüngen betroffen.

Bewusste Verknappung

Die Firma setzte darauf, dass in vielen Fällen schlichtweg keine oder nur wenige Alternativen zur Verfügung standen. Als sie Gegenwind erhielt, griff sie laut EU zu noch härteren Mitteln: „Als nationale Behörden versuchten, sich den Preiserhöhungen zu widersetzen, drohte Aspen gar, die Medikamente aus den nationalen Listen erstattungsfähiger Arzneimittel streichen zu lassen, und gab in einigen Fällen sogar seine Absicht bekannt, die üblichen Lieferungen in den betreffenden Mitgliedstaaten einzustellen.“[2]

Die EU machte jetzt Ernst: Die Firma muss die Preise der sechs Medikamente im Schnitt um 73% senken, auf das Niveau von 2012. Die Preise gelten rückwirkend vom 1. Oktober 2019 für zehn Jahre, zum Ausgleich muss Aspen eine Einmalzahlung leisten. Der Hersteller musste zudem die Versorgung für die EU in den kommenden fünf Jahren zusichern. Bei Verstößen droht ein Bußgeld von bis zu 10% vom Gesamtumsatz der Firma. Nach eigenen Angaben machte Aspen zuletzt einen Jahresumsatz von fast zweieinhalb Milliarden US-Dollar.

Der Skandal wirft nicht nur ein grelles Schlaglicht auf weit verbreitete, skrupellose Praktiken der Pharma-Industrie im Milliardenmarkt mit Krebs-Präparaten. Er zeigt auch die globale Dimension des Problems.

Dramatische Lage in Südafrika

Aspen besitzt zwar mehrere Tochtergesellschaften in Europa, hat seinen Sitz jedoch in Südafrika. Auch dort zeigte der Clinch mit der EU-Kommission Folgen. Das machte Salomé Meyer, Aktivistin und Projektmanagerin bei der südafrikanischen Cancer Alliance im Gespräch mit der Pharma-Kampagne deutlich.[3] Mit Blick auf die beanstandeten Präparate stellt sie fest: „Einige der Produkte werden bei uns im öffentlichen Sektor schon gar nicht mehr zur Behandlung eingesetzt. Melphalan z.B., das zur Therapie von Myelom-PatientInnen benötigt wird, wurde über das staatliche Ausschreibungsverfahren für 2020-2022 nicht erworben. Angeblich aufgrund von Produktionsengpässen des Herstellers.“ Meyer vermutet jedoch einen anderen Grund: „Es kann durchaus sein, dass dies eher mit der EU-Untersuchung zusammenhing, als mit tatsächlichen Problemen in der Fabrikation.“

In Südafrika nimmt die Anzahl an Krebserkrankungen deutlich zu. 2018 starben daran laut Weltgesundheitsorganisation über 57.000 Menschen.[4] Die Versorgungslage mit den notwendigen Medikamenten ist schlecht. Hohe Preise und Patente spielen dabei eine elementare Rolle, so die Cancer Alliance. Die zivilgesellschaftliche Organisation hat in den letzten Jahren die Zugangshürden bei vielen Krebsmedikamenten analysiert.[5]

EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager sagte zum Beschluss gegen Aspen, er sei „eine klare Botschaft an andere marktbeherrschende Pharmaunternehmen, keine missbräuchlichen Preisbildungspraktiken anzuwenden, mit denen unsere Gesundheitssysteme ausgenutzt werden.“[6] Es wäre allerdings wünschenswert, wenn die EU dabei auch Hersteller aus der eigenen Wirtschaftsregion und deren Vermarktungspraktiken in armen Ländern ins Auge fassen würde.  (MK)

 

Projekt „Unbezahlbar krank?“: Mit ihrem Projekt macht die Pharma-Kampagne auf die schlechte Verfügbarkeit von Krebsmedikamenten aufmerksam – gerade in Ländern des globalen Südens. Im April wird ein Pharma-Brief Spezial zum Thema erscheinen. Er soll die Unterversorgung in Südafrika, Tansania, Äthiopien, Ecuador und Indien beleuchten. Dazu steht die Pharma-Kampagne in engem Austausch mit ExpertInnen vor Ort.

 

Artikel aus dem Pharma-Brief 2/2021, S.7

[1]DAZ (2021) Aspen senkt Preise für sechs Krebsarzneimittel. www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2021/02/10/aspen-senkt-preise-fuer-sechs-krebsarzneimittel [Zugriff 12.02.2021]

[2] Chemiereport (2021) Aspen muss Preise massiv senken. www.chemiereport.at/aspen-muss-preise-massiv-senken. [Zugriff 12.02.2021]

[3]Gespräch mit Salomé Meyer am 11.02.2021

[4]WHO (2020) Cancer Country Profile 2020: South Africa. www.who.int/cancer/country-profiles/ZAF_2020.pdf?ua=1 [Zugriff 12.02.2021]

[5]Cancer Alliance (2018) Exploring patent barriers to cancer treatment access in South Africa: 24 medicine case studies. https://canceralliance.co.za/wp-content/uploads/2019/08/Exploring-Patent-Barriers-to-Cancer-Treatment-Access-in-SA-24-Medicine-Case-Studies-October-2017-update-January-2018.pdf [Zugriff 12.02.2021]

[6]Europäische Kommission (2021) Kartellrecht: Kommission akzeptiert Verpflichtungszusagen von Aspen gegen exzessiv hohe Preise für patentfreie Krebsmittel. https://ec.europa.eu/germany/news/20210210-kartellrecht-aspen_de [Zugriff 12.02.2021]


„Institute for Health Metrics and Evaluation“ in der Kritik

Für effektive Gesundheitsinterventionen sind verlässliche Daten über Krankheitshäufigkeit und -verbreitung enorm wichtig. Dass mit dem Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) eine private Einrichtung zum globalen Meinungsführer wurde, ist nicht unproblematisch.

Die internationale Sammlung von Daten zur gesundheitlichen Lage der Welt ist eigentlich bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verortet. Ausgerechnet zwei ehemalige Mitarbeiter der WHO, Christopher J L Murray und Alan D Lopez, gründeten das IHME.[1] Sie begründeten ihren Schritt mit einer ausdrücklichen Kritik an der Zuverlässigkeit der von der WHO gesammelten Daten: Diese seien manipulationsanfällig, weil die Mitgliedsstaaten öfters versuchten, ihre gesundheitliche Lage rosiger darzustellen als sie in Wirklichkeit sei.[2] Auch wenn das nicht völlig von der Hand zu weisen ist, bleibt die Frage, ob die Privatisierung dieser öffentlichen Aufgabe die beste Lösung ist.

2007 wurde das IHME mit massiver Unterstützung der Bill und Melinda Gates Foundation aus der Taufe gehoben. Es ist an der University of Washington in Seattle, USA, angesiedelt. Zentrales Projekt: Die Global Burden of Disease Study, die versucht, die Krankheitslast auf der Welt möglichst genau zu erfassen und sich nicht auf die Zählung von Todesfällen zu beschränken. Das war allerdings nichts Neues. Ursprünglich war die systematische Erfassung der Global Burden of Disease (GBD) ein Konzept, das von der Weltbank in den 1990er-Jahren gemeinsam mit der WHO – unter Beteiligung von Murray – vorangetrieben wurde. Die WHO veröffentlicht Daten zur weltweiten Krankheitslast seit dem Berichtsjahr 2000. [3],[4]

Das IHME publizierte seine erste Global Burden of Disease Study 2012. Das war durchaus als Konkurrenz zur WHO zu verstehen. Die WHO hielt die Ergebnisse dieser Studie teils nicht für vertrauenswürdig, weil sie die Informationen zur Methodik für unzureichend hielt.[4] Inzwischen gelten die Publikationen des IHME als Standard für globale Gesundheitsdaten – und die WHO wurde an den Rand gedrängt. Seit 2018 kooperiert die WHO mit dem Institut.[1] Allein von der Gates-Stiftung hat das IHME über die Jahre über 600 Millionen US$ an Förderung erhalten.

Tim Schwab fasste die Kritik am IHME kürzlich in „The Nation“ prägnant zusammen.[5] Zwar sei es lobenswert, zu besseren Daten kommen zu wollen, aber das IHME nutze teils schwer nachvollziehbare Methoden, um fehlende Daten durch Simulationen zu ersetzen. Da die Ergebnisse des IHME aber zunehmend als Basis für Entscheidungen staatlicher und privater Träger über den Einsatz von Geldern für die Gesundheitsversorgung dienen, sei das nicht unproblematisch.

Win-win für wen?

Durch die Kooperation mit der angesehenen Medizinzeitschrift Lancet beim Global Burden of Disease Report prägt das IHME immer stärker den öffentlichen Diskurs. Dabei sind sowohl das Institut als auch die Verleger des Lancet Gewinner. Durch zahlreiche Artikel des IHME in der Fachzeitschrift, die häufig zitiert werden, steigert sich der „Impact Factor“ des Lancet.

2019 erhielt der Herausgeber des Lancet, Richard Horton, den mit 100.000 US$ dotierten Roux-Preis des IHME. Ein Mitarbeiter des Instituts klagte in einer internen E-Mail: „Ich würde gerne verstehen, was der langfristige Denkprozess für die Verleihung des Preises an Horton war. Wie sollen wir als MitarbeiterInnen diese Entscheidung verteidigen, wenn uns vorgeworfen wird, dass wir uns beim Lancet eingekauft haben, statt dass unsere Artikel wegen der Qualität unserer Arbeit veröffentlicht werden?“[5]

Nicht wenige WissenschaftlerInnen beklagen eine Hegemonie des IHME bei der Erfassung und Interpretation von internationalen Gesundheitsdaten.

Alle seriösen Fachzeitschriften in der Medizin verlangen eine Offenlegung von Interessenkonflikten. Das IHME scheint es damit nicht so genau zu nehmen. Dass das Institut 2018 über drei Millionen US$ von der Pharmaindustrie kassiert hat, taucht unter den Artikeln des Instituts nicht auf.[5]

Dass das IHME tatsächlich nicht immer richtig liegt, zeigte sich zu Beginn der Covid-19-Pandemie im Frühjahr 2020. Die weit in die Zukunft reichenden Prognosen für den Verlauf enthielten eine deutliche Unterschätzung der Erkrankungszahlen. Sie dienten dem damaligen US-Präsidenten Trump als Rechtfertigung, keine einschneidenden Maßnahmen zu veranlassen.[5]  (JS)

 Artikel aus Pharma-Brief 1/2021, S. 4

[1] Shiffman J and Shawar YR (2020) Strengthening accountability of the global health metrics enterprise. Lancet; 395, p 1452 https://doi.org/10.1016/S0140-6736(20)30416-5

[2] Murray CJL et al. (2004) Monitoring global health: time for new solutions Christopher J L, Alan D, Suwit BMJ; 329, p 1096

[3] WHO (2021) Global Health Estimates (GHE) www.who.int/healthinfo/global_burden_disease/en/  

[4] WHO (2017) WHO methods and data sources for global burden of disease estimates 2000-2015. www.who.int/healthinfo/global_burden_disease/GlobalDALYmethods_2000_2015.pdf

[5] Schwab T (2020) Are Bill Gates’s Billions Distorting Public Health Data? The Nation, 6 Dec. www.thenation.com/article/society/gates-covid-data-ihme [Zugriff 24.1.2021]


Einjähriges Bestehen vom C-TAP der WHO

Ursprünglich sollte der Patentpool C-TAP[1] freiwillige Lizenzen und Know-how von Herstellern einholen, um die Produktion von Impfstoffen und Medikamenten global auszuweiten und so die Covid-19-Bekämpfung voranzubringen. Doch das Projekt der Weltgesundheitsorganisation (WHO) konnte in den letzten zwölf Monaten keine Erfolge vermelden. Nun versucht die Organisation einen Neustart. Denn die Produktion von mehr Impfdosen für den globalen Süden kommt wegen politischer Blockaden nicht voran.

Kurz vor den Sommerferien dreht sich ein gewichtiger Teil der bundesdeutschen Covid-19-Debatte um Urlaubsfragen – mit welchen Einschränkungen in verschiedenen Bundesländern oder dem Ausland zu rechnen ist oder wie es um einen digitalen Impfpass bestellt sein wird. Im krassen Kontrast dazu stehen die Nachrichten aus dem Rest der Welt. So trat etwa Argentinien wegen einer zweiten Welle von Covid-19 bis Monatsende in einen harten Lockdown.[2] Währenddessen meldeten vietnamesische Stellen, man habe eine Mutation entdeckt, die eine Kombination aus Alpha- und Delta-Variante darstelle (ehemals „britische“ bzw. „indische“ Variante).[3] In Indien wiederum eskalierte die epidemiologische Lage derart, dass das Land im April einen vorübergehenden Exportstopp von Covid-19-Impfstoffen verkündete – mit massiven Folgen auch für die Belieferung des afrikanischen Kontinents.[4]

COVAX schwächelt, Waiver stockt

Bis Anfang Mai wurden weltweit insgesamt 1,1 Milliarden Covid-19-Dosen eingesetzt, gerade einmal 0,3% davon wurden in Ländern mit niedrigem Einkommen verimpft.[5] Es passt ins Bild, dass die Verteilungsplattform COVAX, auf die auch die deutsche Regierung primär setzt, weiterhin kaum Wirkung zeigt. Zeitgleich nimmt der Druck auf die Welthandelsorganisation (WTO) zu, den seit Oktober 2020 schwelenden Streit um einen „Patent-Waiver“ (wir berichteten[6]) endlich konstruktiv anzugehen.

Mittlerweile hat die US-Regierung zumindest bezüglich Impfstoffpatenten eine Unterstützung für die Initiative Indiens und Südafrikas zur vorübergehenden Aussetzung der geistigen Eigentumsrechte für Covid-19-Produkte signalisiert. Dieser Waiver wird von weit über 100 WTO-Mitgliedern direkt oder indirekt getragen. Da zu dieser Gruppe mittlerweile auch China und Russland zählen,[7] steht nun die EU im Fokus: Während die Kommission weiterhin mauert, votierte das europäische Parlament Ende Mai für Ausnahmeregelungen für Covid-19-Impfstoffe.[8] Die Bundesregierung gilt weiterhin als einer der wichtigsten Bremser innerhalb der EU.[9]

Wissenschaft für Waiver

Auch die Stimmen aus der Wissenschaft für den Waiver mehren sich. In Großbritannien konstatierte ein Arbeitspapier der renommierten London School of Economics: „Der TRIPS-Waiver ist in diesem Zusammenhang ein wesentliches Rechtsinstrument, um eine radikale Erhöhung der Produktionskapazitäten und damit des Angebots an COVID-19-Impfstoffen zu ermöglichen und so einen Weg zu einem weltweiten gerechten Zugang zu schaffen.“ [10] Hierzulande argumentierte unter anderem der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) für die WTO-Initiative und wandte sich dabei auch gegen die Mär der Innovationsfeindlichkeit: „Im Gegenteil, der Wettbewerb und damit auch die Innovation würde zunehmen. Zumal die mRNA-Technologie nicht nur als Impfstoff gegen Covid, sondern für viele andere Krankheiten, vor allem Krebs, erforscht wird und erste Erfolge gezeigt hat.“ [11]

Das jüngste TRIPS Council-Meeting der WTO (8./9. Juni) fand erst nach Drucklegung statt. Eines ist allerdings sicher: Für eine global gerechtere Versorgung mit Covid-19-Impfstoffen ist die Ausweitung von Produktionskapazitäten elementar. Dafür ist Technologietransfer und das Teilen von Know-how vonnöten. Denn auch wenn die Herstellung in den kommenden Monaten wohl anziehen wird, bleibt die Versorgungslage global gesehen prekär und der Markt extrem umkämpft.[12]

C-TAP: Trauriger Geburtstag

Um ein wichtiges Instrument für mehr Impfstoff-Produktion war es erstaunlicherweise lange verdächtig still: Den WHO Patentpool für Covid-19, C-TAP. Bereits im Mai 2020 lanciert, beging das Konstrukt zuletzt seinen einjährigen Geburtstag. Grund zum Feiern gab es nicht, denn der Status quo ist niederschmetternd: Auch nach zwölf Monaten haben Hersteller keine einzige Lizenz eingebracht. Die Situation des C-TAP kann damit als sinnbildlich für die dramatische Verschleppung in der globalen Covid-19-Bekämpfung gelten. Obwohl ein Mittelweg zwischen dem strukturellen Ansatz des WTO-Waivers und der eher symbolischen Mildtätigkeit von COVAX,[13] wurde er von Pharmaindustrie und international einflussreichen Staaten (darunter Deutschland) weitestgehend ignoriert. Statt nicht-exklusiven und transparenten Lizenzvereinbarungen, wie C-TAP sie anstrebt,[14] forcieren die reichen Länder angesichts der nicht mehr zu übersehenden globalen Ungerechtigkeiten erst jetzt freiwillige Vereinbarungen zwischen Herstellern und ärmeren Ländern. Doch das ist eine stark limitierte Variante des Zugangs, die zu weiteren Verzögerungen und zu ungerechtfertigt hohen Preisen führt.

Die Schwäche von COVAX und die wachsende Unterstützung für die WTO-Ausnahmeregelung könnten nun allerdings den Blick auf C-TAP neu schärfen. Jedenfalls versucht sich die WHO darin, einen frischen Impuls für die Initiative zu setzen. Eine Pressekonferenz am 28. Mai sollte dabei ein erster Schritt sein.

Gute News nur im Kleinen

In dieser Veranstaltung sprach neben WHO Generaldirektor Thedros Ghebreyesus auch der Präsident Costa-Ricas, Carlos Alvarado Quesada. Das zentralamerikanische Land hatte im vergangenen Jahr den Start von C-TAP maßgeblich mit initiiert. Wer allerdings bei der Wiederbelebung des Projekts auf große Schlagzeilen gehofft hatte, wurde durch die Veranstaltung enttäuscht. Positive Neuigkeiten gab es nur im Kleinen:

Mit Spanien konnte C-TAP immerhin zusätzlich zu den offiziell unterstützenden 42 Staaten ein weiteres Mitglied gewinnen. Auch wurde von WHO-Seite kommuniziert, dass man momentan mit verschiedenen Produzenten in Gesprächen sei, die möglicherweise Lizenzen einbringen würden: Zwei davon beträfen Covid-19-Impfstoffe und fünf entsprechende Diagnostika. Um welche Hersteller es sich handelt und was der konkrete Stand der Verhandlungen ist, wurde allerdings nicht verraten. Eher gering war daher auch das mediale Interesse an dem Geburtstags-Event: Erst die allerletzte Nachfrage in der abschließenden Presserunde bezog sich überhaupt direkt auf die Arbeit von C-TAP.

Tödliche Abhängigkeit

In der monatelangen Debatte um gerechten Zugang zu medizinischen Produkten gegen Covid-19 wurden viele argumentative Haken geschlagen. Der entscheidende Punkt hat sich besonders beim Thema Impfstoffe aber herauskristallisiert: Es geht letztlich um die tödliche globale Abhängigkeit vom Gutdünken einiger sehr großer Firmen aus dem globalen Norden und dem ausgeprägten Unwillen vieler Regierungen aus Ländern mit starker Pharmaindustrie, die daraus resultierenden frappierenden Ungerechtigkeiten ernsthaft anzugehen.

Und so werden im politischen Diskurs des globalen Nordens nicht progressive Lösungen und damit verbundene Chancen betont, sondern angebliche Risiken. Ein Beispiel ist die von DIW-Seite erwähnte mögliche Verbreitung von mRNA-Technologien. Statt positiv hervorzuheben, dass diese Proliferation nachhaltig regionale Forschungs- und Produktionsmöglichkeiten bei zukünftigen Pandemien – aber auch gegen nicht-übertragbare Erkrankungen – stärken könnte, werden vor allem mögliche Verluste für heimische Pharmafirmen moniert.

„Haltet den Dieb“

Wie dreist in diesem Diskurs mithin Ursache und Wirkung verdreht werden, zeigte zuletzt formvollendet Thomas Cueni, Generaldirektor des internationalen Pharmaverbands Ifpma, der Industrieländer ermahnte: „Wenn wirklich jetzt etwas getan werden soll, müssen reiche Staaten dazu bewegt werden, ihre Dosen zu teilen.“ [15] Als hätte die Industrie nicht durch ihre gierige Preispolitik und bewusste Verknappung der Produktionsmöglichkeiten von Impfstoffen selbst ganz maßgeblich an der globalen Schräglage mitgewirkt und dabei unglaublich abgesahnt (siehe unseren Beitrag über Covid-19 Milliardäre).

Wenigstens scheint das von Beginn an fadenscheinige Argument, der globale Süden hätte gar keine Kapazitäten für Covid-19-Impfstoffproduktion, endlich zermürbt worden zu sein. So erklärten beispielsweise während der C-TAP-„Feierlichkeiten“ Bangladesch und Indonesien, über erhebliche Produktionskapazitäten zu verfügen – wobei selbstverständlich die Freigabe von geistigen Eigentumsrechten, Technologie- und Know-how-Transfer wichtig sei.[16]

Auch das Argument, mRNA-Impfstoffe seien besonders schwer herzustellen, ist falsch. Suhaib Siddiqi, ehe-­maliger Direktor für Chemie bei Moder-
na, sagte laut AP: „Mit einer Blaupause und technischem Rat sollte eine moderne Fabrik in der Lage sein, die Impf-
stoffproduktion in höchstens drei bis vier Monaten in Gang zu bringen.“ [17]

Verschenkte Zeit, verlorene Leben

Die Vehemenz, mit der von Teilen der Medien und Politik auch hierzulande gegen etwaige Lockerungen im Bereich geistigen Eigentums geschossen wird, verweist deutlich auf die Lobby-Kraft der Pharmaindustrie und die Tatsache, dass viele Akteure die Unantastbarkeit von Patenten ideologisch verinnerlicht haben. Dass es sich bei Patentrechten lediglich um einen (nur zum geringen Teil verwirklichten) gesellschaftlichen Vertrag zur Förderung medizinisch wichtiger Innovation handelt, scheint in Vergessenheit geraten zu sein.

Dem zum Trotz würde man sich wünschen, dass zumindest freiwillige Mechanismen in dieser weltweiten Ausnahmesituation greifen könnten. Der aktuelle Zustand des Covid-19-Patentpools zeigt jedoch abermals, dass „freiwillige Selbstverpflichtungen“ im globalen Gesundheitskapitalismus bloße Augenwischerei sind. Denn seit Gründung von C-TAP vor einem Jahr ist nicht nur kostbare Zeit verschenkt worden. Es sind  auch viele Tausend Leben weltweit verloren gegangen.  (MK)

              

 Artikel aus dem Pharma-Brief 5/2021, S.1

[1] C-TAP: COVID-19 Technology Access Pool der WHO

[2] DW (2021) Argentina prepares for strict lockdown as Covid cases soar. www.dw.com/en/argentina-prepares-for-strict-lockdown-as-covid-cases-soar/a-57610622 [Zugriff 21.5.2021]

[3] Reuters (2021) Vietnam detects hybrid of Indian and UK COVID-19 variants. www.reuters.com/world/asia-pacific/vietnam-detects-hybrid-indian-uk-covid-19-variant-2021-05-29/  [Zugriff 31.5.2021]

[4] DW (2021) Corona: Afrikas Impfprogramm kommt nicht voran. 19. Mai www.dw.com/de/corona-afrikas-impf-programm-kommt-nicht-voran/a-57574684 [Zugriff 31.5.2021]

[5] WHO (2021) Director-General‘s opening remarks at the media briefing on COVID-19 – 14 May 2021 www.who.int/director-general/speeches/detail/director-general-s-opening-remarks-at-the-media-briefing-on-covid-19-14-may-2021

[6] Pharma-Kampagne (2021) Der „Dritte Weg“ ist eine Sackgasse. www.bukopharma.de/de/newsarchiv/450-kritik-an-wto-fuehrung  [Zugriff 31.5.2021]

[7] Laskar RH (2021) Brics backs Covid-19 vaccine patent waivers. Hindustan Times 2 June www.hindustantimes.com/india-news/brics-backs-vaccine-patent-waivers-101622574659675.html

[8] Ärzteblatt (2021) EU-Parlament unterstützt Aussetzung von Patenten für Coronaimpfstoffe. 20. Mai www.aerzteblatt.de/nachrichten/124007/EU-Parlament-unterstuetzt-Aussetzung-von-Patenten-fuer-Coronaimpfstoffe  [Zugriff 31.5.2021]

[9] Usher DJ (2021) South Africa and India push for COVID-19 patents ban. Lancet; 396, p 1790 www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)32581-2/fulltext  [Zugriff 28.5.2021]

[10] Thambisetty S et al. (2021) The TRIPS Intellectual Property Waiver Proposal: Creating the Right Incentives in Patent Law and Politics to end the COVID-19 Pandemic. LSE Legal Studies Working Paper https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=3851737  [Zugriff 31.5.2021]

[11] Fratzscher M (2021) Was für eine Freigabe der Impfstoff-Patente spricht. 10. Mai www.welt.de/debatte/kommentare/article231026345/Marcel-Fratzscher-Was-fuer-Freigabe-der-Impfstoff-Patente-spricht.html

[12] Kupferschmidt K and Cohen J (2021) Rich countries cornered COVID-19 vaccine doses. Four strategies to right a “scandalous inequity”. 26 May www.sciencemag.org/news/2021/05/rich-countries-cornered-covid-19-vaccine-doses-four-strategies-right-scandalous  [Zugriff 28.5.2021]

[13] COVAX plant Impfdosen für nur 20% der Bevölkerung in ärmeren Ländern zur Verfügung zu stellen, die Auslieferung soll sich bis weit ins nächste Jahr hinziehen.

[14] WHO (2021) C-TAP. Enhancing global manufacturing capacity to address today’s and tomorrow’s pandemics. 16 Jan www.who.int/publications/m/item/c-tap-enhancing-global-manufacturing-capacity-to-address-today-s-and-tomorrow-s-pandemics  [Zugriff 31.5.2021]

[15] Byatnal A (2021) The battle for COVID-19 vaccine IP rights: “We need all hands on deck”. Devex 26 May www.devex.com/news/the-battle-for-covid-19-vaccine-ip-rights-we-need-all-hands-on-deck-99985  [Zugriff 28.5.2021]

[16] Cullinan K (2021) Indonesia and Bangladesh reveal massive untapped vaccine production capacity at C-TAP anniversary. Health Policy Watch 28 May https://healthpolicy-watch.news/indonesia-and-bangladesh-reveal-massive-untapped-vaccine-production-capacity-at-c-tap-anniversary/  [Zugriff 31.5.2021]

[17] Cheng M and Hinnant L (2021) Countries urge drug companies to share vaccine know-how. AP News 1 March https://apnews.com/article/drug-companies-called-share-vaccine-info-22d92afbc3ea9ed519be007f8887bcf6  [Zugriff 3.6.2021]


Globale Impfstoffversorgung in der Sackgasse?

Mit dem Covid-19-Impfstart in einigen Ländern wird der Blick auf die Verteilungspraxis kritischer. Dabei rücken besonders die verschiedenen Initiativen bei der WHO und der WTO in den Fokus.

Während in Deutschland eine Debatte darüber tobt, wann in den kommenden Wochen die notwendigen Impfstoffmengen gegen Covid-19 zur Verfügung stehen, stellt sich für den Großteil des globalen Südens die Frage, wie viele Monate oder Jahre vergehen mögen, bis es ausreichenden Zugang gibt.


Wie sich die Investitionen der Stiftung in die Pharmabranche mit ihren eigenen Forschungsanstrengungen überlappen

Der Hauptgeldgeber der Gesundheitsforschung profitiert finanziell von der Pandemie; das wirft Fragen zu Transparenz und Verantwortlichkeit auf. Ein Beitrag aus dem BMJ von Tim Schwab.*

Ein Merkmal der Covid-19-Pandemie wird immer deutlicher: Die Antwort des öffentlichen Gesundheitswesens wird nicht nur von Regierungen und multilateralen Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorangetrieben, sondern auch von einer Flut von Öffentlich-Privaten Partnerschaften, bei denen Arzneimittelfirmen und private Stiftungen mitwirken.

Eine neue führende Stimme ist dabei der Wellcome Trust, einer der weltgrößten Geldgeber für Gesundheitsforschung, zu seinen sich immer weiter ausbreitenden wohltätigen Aktivitäten in der Pandemie gehört es, gemeinsam mit der WHO ein Programm zur Unterstützung neuer Covid-19-Therapien zu leiten. Das Projekt “Access to Covid-19 Tools (ACT) Accelerator” hofft, Milliarden Dollar einzuwerben und im laufenden Jahr hunderte Millionen von Behandlungskursen zur Verfügung zu stellen, darunter Dexamethason und einer Reihe von monoklonalen Antikörpern.[1]

Das BMJ fand heraus, dass Wellcome gleichzeitig Beteiligungen an Firmen hält, die genau diese Behandlungen herstellen. Finanzmitteilungen von Ende 2020 zeigen, dass Wellcome mit 275 Mio. £ (318 Mio. €; 389 Mio. US$) an Novartis beteiligt ist. Die Firma stellt Dexamethason her und erforscht weitere Therapien. Und Roche, an der Wellcome mit 252 Mio £ beteiligt ist,[2] hilft dem Biotechnologie-Unternehmen Regeneron bei der Herstellung von monoklonalen Antikörpern. Beide – Roche und Novartis – berichten, dass sie mit dem WHO “ACT Accelerator” Gespräche über ihre therapeutischen Arzneimittel geführt hatten.[3]

Die finanziellen Interessen von Wellcome wurden auf der Webseite des Trusts veröffentlicht und sind durch gesetzlich geforderte Angaben bei den Finanzbehörden öffentlich zugänglich. Sie sind aber anscheinend nicht als finanzielle Interessenskonflikte im Zusammenhang mit der Arbeit von Wellcome zu Covid-19 offengelegt worden, obwohl sie zeigen, dass der Trust potenziell finanziell von der Pandemie profitieren kann.

Auf Enthüllungen der finanziellen Interessenskonflikte des Wellcome Trusts folgen auf Berichte über eine andere Wohltätigkeitsorganisation, die Gates Stiftung, die ebenso in der Lage ist, aus ihrer führenden Rolle bei der Pandemiebekämpfung finanziellen Nutzen zu ziehen. Eine Recherche von The Nation enthüllte, dass Gates mehr als 250 Mio. US$ (179 Mio. £; 206 Mio. €) in Firmen investiert hatte, die zu Covid-19 arbeiten, und zitierte zivilgesellschaftliche Gruppen, die über den übergroßen Einfluss alarmiert waren, den die milliardenschwere Wohltätigkeitsorganisation in der Pandemiebekämpfung ausübt; sie sehen das als eine Stärkung der Rolle der Pharmaindustrie.[4]

Doch Stiftungen wie die von Gates und Wellcome — und sogar Pharmakonzerne — werden während der Pandemie im Allgemeinen in den Medien für ihre Anstrengungen gepriesen, die Gesundheitskrise zu lösen. Ihre finanziellen Interessen erfahren dagegen relativ wenig Aufmerksamkeit und ihre Arbeit ist wenig externer Kontrolle unterworfen.

„Die Pandemie trägt gerade dazu bei, den Ruf von Organisationen wie Gates und Wellcome und der Pharmakonzerne aufzupolieren. Ich glaube nicht, dass sie das wirklich verdienen”, sagt Joel Lexchin, emeritierter Professor der School of Health Policy and Management der York University in Toronto. „Ich denke, sie handeln, wie sie es immer getan haben. Das heißt aus Sicht der Pharmafirmen, ihre eigenen finanziellen Interessen zu verfolgen, und aus der Sicht der Stiftungen, ihre eigenen privat entwickelten Ziele zu verfolgen, ohne irgendjemand außer ihren eigenen Vorständen verantwortlich zu sein.“

Interessenkonflikte?

Mohga Kamal-Yanni, eine Politikberaterin von UNAIDS und anderen Organisationen, arbeitete vor kurzem an einem Paper mit, das auf Probleme mit dem Einfluss der Gates Stiftung in der Pandemie hinwies. Sie sagt, dass die Investitionen des Wellcome Trusts kritische Fragen rund um das Thema Transparenz und Verantwortlichkeit aufwerfen.[5]

„Bei Covid haben diese beide Worte eine so riesige Bedeutung, weil wir wissen müssen, ob Entscheidungen auf der Grundlage von Evidenz und Wissenschaft getroffen werden,“ sagt sie zum BMJ. „Wissen wir, mit welchen Firmen sie sprechen? Wie sie entscheiden, welche Firma sie finanziell fördern? — oder dieses oder ein anderes Produkt?“

Der Wellcome Trust bestreitet, dass seine Investitionen seine Unabhängigkeit kompromittieren — oder gar in Widerspruch zu ihr geraten. „Wir sind uns keiner Situation in unseren Beziehungen mit … dem ACT Accelerator bewusst, in der als Folge unseres Investmentportfolios ein Konflikt entstanden ist oder in der es für Repräsentanten von Wellcome notwendig gewesen wäre, sich wegen Befangenheit zurückzuziehen,“ sagte ein Sprecher und lehnte es ab, seine Investitionen in Novartis oder Roche zu kommentieren. „Wir würden niemals Entscheidungen zur Pandemiebekämpfung treffen oder Dritten Empfehlungen aus anderen Gründen als der Sorge um die öffentliche Gesundheit geben.“

Unterstützer von Wellcome beschreiben die sehr kompetente biomedizinische Expertise, die die Stiftung in der Pandemie einbringt, in herausragender Weise mit seinem Direktor, Jeremy Farrar, einem berühmten Erforscher von Infektionskrankheiten, dem der Verdienst zugeschrieben wird, bei früheren Ausbrüchen von Ebola und Vogelgrippe eine führende Rolle gespielt zu haben.[6][7]

Kenny Baillie, Leiter einer Forschungsgruppe in der Abteilung Genetics and Genomics an der University of Edinburgh, der Forschungsgelder von Wellcome erhalten hat, sagt, dass die Stiftung Anerkennung verdient als ein “Leuchtturm von Integrität und verantwortungsvoller Unternehmensführung.”

Er erklärt: „Ich kann sicherlich aus eigener persönlicher Erfahrung in der Zusammenarbeit auf der Wissenschaft sprechen, da gab es keinen Versuch, mich oder andere ForscherInnen, die ich kenne, zu beeinflussen und abzuhalten, die beste Wissenschaft zum Wohl der Menschen zu liefern.“ Doch es bleibt unklar, welche Governance-Strukturen bestehen, die garantieren, dass Wellcomes riesiges Stiftungsvermögen das Agenda-Setting bei der WHO oder andere Arbeit der Stiftung in der Pandemie nicht beeinflusst.

Unitaid, das mit federführend für das WHO ACT Accelerator Project ist, sagt, dass es mit Wellcome ein „klares gegenseitiges Einvernehmen gibt, dass relevante institutionelle Interessen transparent offengelegt werden.“ Aber Unitaid teilte dem BMJ vergangenen Dezember mit: “Wir haben noch keine einzige Erklärung zu Interessenkonflikten erhalten.“

Marc Rodwin, Rechtsprofessor an der Suffolk University in Boston, Massachusetts, sagt, dass Institutionen mit finanziellen Interessenskonflikten dennoch wertvolle Beiträge zur Pandemiebekämpfung leisten könnten, aber keine Einfluss- oder Entscheidungsposition haben sollten.

„Ich würde sogar noch weiter gehen, als nur zu sagen, sie sollten sich vor bestimmten Entscheidungen als befangen erklären. Warum werden sie überhaupt ausgewählt für diese Stellen mit Machtbefugnissen?“, fragt er. „Ich mag hier das Konzept des epidemiologischen Risikofaktors – es führt nur ein Risikolevel ein, das unnötig ist. Wenn viel Geld im Spiel ist, willst du nicht solche finanziellen Konflikte haben, die diese Entscheidungen beeinflussen.“

Regierungsberater

Zusätzlich zur Arbeit durch die WHO beeinflusst Wellcome die Pandemiebekämpfung auch durch Farrars Stellung in der Scientific Advisory Group for Emergencies, die die Regierung des Vereinigten Königreichs zu Covid-19 berät; er hat zudem einen Sitz im Vorstand der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations, einer führenden Öffentlich-Privaten Partnerschaft in der Pandemie, die mehr als eine Mrd. US$ für die Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen zugesagt hat.[8] Auch tritt Farrar häufig als Experte in den Medien auf, einschließlich dem BMJ, wo er das Potenzial bestimmter Medikamente gegen Covid-19 hervorhob.[9],[10] Diese Berater- und Medienaktivitäten weisen Überschneidungen zu den 28 Mrd. £ Stiftungskapital des Wellcome Trust auf, der mindestens 1,25 Mrd. £ in Firmen investiert hat, die zu Covid-19-Impfstoffen, Therapeutika und Diagnostika arbeiten: Roche, Novartis, Abbott, Siemens, Johnson & Johnson, und — durch Beteiligungen an der Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway — Merck, AbbVie, Biogen, and Teva.[11]

Farrar sitzt in dem internen Investment-Ausschuss von Wellcome, der in Bezug auf das Stiftungskapital eine wichtige beratende Rolle spielt.[12] Wellcome will sich nicht dazu äußern, ob die Doppelrolle Farrars wünschenswert ist — Hilfe beim Management des Stiftungsvermögens und die karitative Mission —, und lehnte mehrfach Nachfragen nach einem Interview mit Farrar oder anderen VertreterInnen der Stiftung ab.

Das ganze Ausmaß der Investitionen von Wellcome in Firmen, die zu Covid-19 arbeiten, ist nicht bekannt, da die Stiftung sich auch weigerte, gegenüber dem BMJ Details zu ihrem Investmentportfolio offenzulegen, das meiste davon wird nur allgemein beschrieben als Investition in „Hedge-Fonds“, „Aktien“, „Firmenbeteiligungen “ oder „Immobilien“.[13] Wellcome veröffentlicht auf seiner Webseite eine Liste von einigen Dutzend seiner größten individuellen Unternehmensinvestitionen. Und das BMJ enthüllte zusätzliche Informationen über Wellcomes Stiftungsvermögen durch Einsicht in Unterlagen, die die Stiftung bei der US-Finanzaufsicht einreichte.

Auf der Basis dieser begrenzten öffentlichen Berichterstattung scheint es, als expandiere Wellcome seine Covid-bezogenen Investitionen. Die Stiftung berichtete letzten Sommer den Besitz von fast zwei Millionen Aktien von Abbott Laboratories, einem Hauptlieferant von diagnostischen Tests für Covid-19.[14] Den von Wellcome eingereichten Finanzunterlagen kann entnommen werden, dass der Wert seiner 1,95 Millionen Anteile an Abbott zwischen Juli und Oktober 2020 von 178 Mio. US$ auf 212 Mio. US$ angewachsen ist, ein unerwarteter Gewinn für die gemeinnützige Stiftung.[15]

Wellcome berichtet von 3.3 Mrd. £ Gewinn aus allen Investitionen im Jahr 2020, dreimal so viel Geld, wie der Trust für wohltätige Zwecke ausgeschüttet hat.

Der Einfluss von Investoren

Die Rolle von Wellcome auf den Finanzmärkten während der Pandemie hat sich auch auf andere markante Weise niedergeschlagen. Das Wall Street Journal hat berichtet, dass Wellcome schon im Januar 2020 Telefonkonferenzen mit privaten Investmentfirmen abgehalten hat, wo Farrar Vermögensverwalter vor dem Ernst von Covid-19 warnte.[16] Die Gespräche trieben die Investoren an, ihre Portfolios zu reorganisieren, entweder um Verluste zu minimieren oder finanzielle Gewinne zu erzielen, so die Zeitung.

Die Stiftung war nicht bereit, Protokolle von Farrars Telefonkonferenz mit fremden Kapitalgebern zu liefern, und erklärte stattdessen, dass er Investoren die gleichen Covid-Warnungen anbiete wie den Nachrichtenmedien und bei anderen Treffen.

Zwei Investmentgesellschaften — Sequoia und Blackstone—, die an den Gesprächen mit Farrar teilgenommen hatten, zahlten in den letzten Jahren Dividenden an Wellcome aus, wie die Steuerveranlagung der Stiftung in den USA kürzlich zeigte. Wellcome wollte nicht kommentieren, ob sie zu dem Zeitpunkt Geld in die Firmen investiert hatte, als die Stiftung Telefongespräche von Farrar mit eben diesen Unternehmen organisiert hatte.[17]

Die Ethik der Investmentaktivitäten von Wellcome wurde in den vergangenen Jahren mehrfach öffentlich in Frage gestellt. Unter anderem in einer öffentlichen Kampagne, die 2015 vom Guardian organisiert wurde, um auf Wellcome und die Gates Stiftung Druck auszuüben, sich von Investitionen in fossile Brennstoffe zu trennen. Zehntausende unterzeichneten eine Petition, die argumentierte, dass die Investments von Wellcome und Gates in fossile Brennstoffe im Widerspruch zu ihrer Arbeit zur Förderung des „menschlichen Fortschritts und der Gleichheit“ stehe.[18]

Farrar lehnte in einem Antwortschreiben Desinvestition (Divestment) als Strategie ab. Er sagte, Wellcome nutze seine Stellung als Investor dazu, Firmen fossiler Brennstoffe zu einem besseren Verhalten zu drängen.[19] Ein früherer Mitarbeiter von Wellcome berichtete dem BMJ, dass das Investment der Stiftung in fossile Brennstoffe zu vielen Auseinandersetzungen unter den Mitarbeitern führte, die diese Investmentstrategie der Stiftung in Frage stellten.

Die Zeitschrift Science berichtete 2018, dass Wellcome fast 1 Mrd. US$ an Offshore-Investitionen hielt, einschließlich eines Cayman Islands Energiefonds, der Anteile an einer Firma hielt, die extrem umweltbelastende Schiffstreibstoffe verkauft. Science zitierte Ökonomen, die Offshore-Investitionen von Wellcome und anderen Stiftungen in Steueroasen wie den Cayman Islands scharf kritisierten und sie beschuldigten, ein Verhalten der Steuervermeidung zu institutionalisieren und zu normalisieren, was die Einkommensungleichheit verschärft.[20]

Governance des öffentlichen und privaten Sektors

Während der ganzen Pandemie kursierten Vorwürfe finanzieller Interessenskonflikte öffentlicher und privater Akteure in vielen Ländern. Im Vereinigten Königreich geriet der wissenschaftliche Chefberater der Regierung, Patrick Vallance, in die Schlagzeilen, als ihm nachgewiesen wurde, finanzielle Verbindungen zu der Pharmafirma GlaxoSmithKline zu haben.[21] Regierungsquellen haben Vallance gegen Vorwürfe von Fehlverhalten verteidigt.

In den USA wurden gegen vier Kongressmitglieder Untersuchungen eingeleitet, weil sie Aktienhandel mit nicht-öffentlichen Informationen betrieben, zu denen sie auf Grund ihrer politischen Stellung Zugang hatten. Alle wurden sie während der Untersuchung freigesprochen, berichtete die New York Times.[22],[23]

Im letzten Jahr berichtete das BMJ über ein Versagen der Scientific Advisory Group for Emergencies des Vereinigten Köngreichs, konkurrierende Interessen in Bezug auf Covid-19 zu veröffentlichen. Daraufhin wurden sie zur öffentlichen Überprüfung freigegeben.[24]

Trotz der herausragenden Rolle, die private Wohltätigkeitsorganisationen in der Pandemiebekämpfung spielen, wurden ihre finanziellen Interessen wenig hinterfragt, wohl weil Stiftungen nicht den gleichen Aufsichtsmechanismen unterworfen sind wie öffentliche Institutionen.

Linsey McGoey, eine Soziologieprofessorin an der University of Essex, die extensiv über Verantwortlichkeit in der Philanthropie geschrieben hat, sieht einen Zusammenhang zwischen den Investment von Wellcome und Gates in die Pharmaindustrie im und ihrer Unterstützung für die herrschenden Marktmechanismen, die die moderne Medizin antreiben – was dazu führt, dass die reichen Länder bevorzugten Zugang zu Covid-19 Medikamenten bekommen.[25] Viele Stakeholder stellen dieses ökonomische Modell während der Pandemie in Frage, stellt McGoey fest, und sie üben Druck auf die Welthandelsorganisation aus, Einschränkungen durch geistige Eigentumsrechte in Bezug auf Impfstoffe und Therapeutika zu lockern.[26]

Sie sagt, „Sie scheinen sich ganz einem gemeinnützigen Modell verpflichtet zu fühlen …[das] in Wirklichkeit aber dem Ansatz von Gesundheits- und Impfstoffgerechtigkeit, den die meisten AktivistInnen und politischen EntscheidungsträgerInnen des globalen Südens fordern, zu widersprechen scheint.“

„Diese Art von Stiftungen erhalten den falschen ideologischen Eindruck aufrecht, dass sie [...] das Problem lösen, auch wenn sie gerade das nicht tun. Und sie könnten es noch verstärken, indem sie den ideologischen Eindruck perpetuieren, der privaten Sektor nehme die Rolle des Retters ein.“

 

Tim Schwab, Freier Journalist Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

*Dieser Artikel erschien am 3.3.2021 im BMJ; 372, p n556 https://doi.org/10.1136/bmj.n556 . Wir danken dem BMJ für die Abdruckgenehmigung. Übersetzung: Margit Urhahn

Interessenkonflikte: Tim Schwab hat die Politik des BMJ zu Interessenkonflikten gelesen und verstanden. Er erklärt, dass er Empfänger eines Alicia Patterson Foundation journalism fellowship 2019 ist. Das BMJ veröffentlicht Arbeiten von Forschungsgruppen und AkedemikerInnen, die von der  Bill and Melinda Gates Foundation und dem  Wellcome Trust gefördert werden.

Hinweis für den englischsprachigen Originalartikel: This article is made freely available for use in accordance with BMJ‘s website terms and conditions for the duration of the covid-19 pandemic or until otherwise determined by BMJ. You may use, download and print the article for any lawful, non-commercial purpose (including text and data mining) provided that all copyright notices and trade marks are retained. https://bmj.com/coronavirus/usage

 

Artikel aus dem Pharma-Brief 3-4/2021, S.4

 

Wir behalten im Folgenden die Zitierweise des BMJ bei:

[1] Schreier P. A look inside the global partnership that’s working to find and deliver Covid-19 treatments. Wellcome Trust. 29 Oct 2020. https://wellcome.org/news/look-inside-global-partnership-thats-working-find-and-deliver-covid-19-treatments

[2] Wellcome Trust. List of directly held equity holdings as of September 2020. https://wellcome.org/about-us/investments/direct-public-equity-holdings

[3] Guarascio F. Exclusive: WHO-led COVID drug scheme doubles down on antibodies, steroids and shuns remdesivir. Reuters 2020 Nov 5. https://www.reuters.com/article/us-health-coronavirus-who-drugs-exclusiv/exclusive-who-led-covid-drug-scheme-doubles-down-on-antibodies-steroids-and-shuns-remdesivir-idUSKBN27L1OY

[4] Schwab T. While the poor get sick, Bill Gates just gets richer. Nation 2020 Oct 5. https://www.thenation.com/article/economy/bill-gates-investments-covid/

[5] Malpani R, Baker B, Kamal-Yanni M. Corporate charity—is the Gates Foundation addressing or reinforcing systemic problems raised by covid-19? Health Policy Watch 2020 Oct 31. https://healthpolicy-watch.news/gates-foundation-address-systemic-covid-19/

[6] Rosenthal E. On the front: a pandemic is worrisome but unlikely. New York Times 2006 Mar 28. https://www.nytimes.com/2006/03/28/health/on-the-front-a-pandemic-is-worrisome-but-unlikely.html

[7] McKie R. “We can beat Ebola but must prepare for what comes next,” says Wellcome Trust head. Guardian 2019 Dec 22. https://www.theguardian.com/world/2019/dec/22/we-can-beat-ebola-prepare-for-health-battles-to-come-jeremy-farrar-wellcome-trust

[8] UK Government Office of Science. List of participants of SAGE and related sub-groups. https://www.gov.uk/government/publications/scientific-advisory-group-for-emergencies-sage-coronavirus-covid-19-response-membership/list-of-participants-of-sage-and-related-sub-groups. (CEPI list of board members and COVID vaccine support is available at www.cepi.net.)

[9] Farrar J. Soon Covid-19 will be treatable, but it shouldn’t just be the rich who benefit. Guardian 2020 Oct 12. https://www.theguardian.com/commentisfree/2020/oct/12/covid-19-treatable-vaccines-treatments

[10] Looi M-K. Jeremy Farrar: Make vaccine available to other countries as soon as our most vulnerable people have received it. BMJ2021;372:n459. doi:10.1136/bmj.n459 pmid:33608412

[11] Wellcome Trust. Annual report and financial statement 2020; list of directly held equity holdings as of September 2020. https://wellcome.org/about-us/investments/direct-public-equity-holdings

[12] Wellcome Trust. Investment committee list. https://wellcome.org/about-us/investments. (Investment policy, 2020 Feb 24, is available at https://wellcome.org/sites/default/files/investment-policy-202002.pdf.)

[13] Wellcome Trust. Annual report and financial statement 2020. https://wellcome.org/reports/wellcome-annual-report-2020

[14] Abbott Laboratories. US Securities and Exchange Commission 10Q regulatory filing for the quarterly period ended September 30, 2020. https://www.abbottinvestor.com/node/32711/html

[15] Wellcome Trust. US Securities and Exchange Commission 13F regulatory filings. 10 Jul and 20 Oct 2020. https://www.sec.gov/Archives/edgar/data/1026720/000101297520000777/xslForm13F_X01/infotable.xml  

[16] Chung J. The early coronavirus warning that woke up Wall Street. Wall Street J 2020 Jun 12. https://www.wsj.com/articles/the-early-coronavirus-warning-that-woke-up-wall-street-11591954202  

[17] Wellcome Trust. Annual 990 tax filings with the United States Internal Revenue Service.

[18] Howard E. Keep it in the ground campaign: six things we’ve learned. Guardian 2015 Mar 25. https://www.theguardian.com/environment/keep-it-in-the-ground-blog/2015/mar/25/keep-it-in-the-ground-campaign-six-things-weve-learned. The Guardian’s “Keep it in the Ground” petition can be found at https://www.theguardian.com/environment/ng-interactive/2015/mar/16/keep-it-in-the-ground-guardian-climate-change-campaign

[19] Farrar J. Fossil fuel investments are an issue on which fair-minded people will disagree. Guardian 2015 Apr 17. https://www.theguardian.com/environment/keep-it-in-the-ground-blog/2015/apr/17/fossil-fuel-investments-are-an-issue-on-which-fair-minded-people-will-disagree

[20] Piller C. Private research funders court controversy with billions in secretive investments. Science 2018 Dec 6. https://www.sciencemag.org/news/2018/12/private-research-funders-court-controversy-billions-secretive-investments

[21] Thacker PD. Conflicts of interest among the UK government’s covid-19 advisers. BMJ2020;371:m4716. doi:10.1136/bmj.m4716 pmid:33298559

[22] Benner K, Fados N. Justice Dept ends inquiries into 3 senators’ stock trades. New York Times 2020 May 26. https://www.nytimes.com/2020/05/26/us/politics/senators-stock-trades-investigation.html

[23] Fandos N, Benner K. Justice Dept ends stock trade inquiry into Richard Burr without charges. New York Times. 19 Jan 2021. https://www.nytimes.com/2021/01/19/us/politics/richard-burr-stock-trades-investigation.html

[24] Coombes R. Covid-19: SAGE members’ interests published by government 10 months into pandemic. BMJ2020;371:m4911. doi:10.1136/bmj.m4911 pmid:33334782

[25] Dyer O. Covid-19: Many poor countries will see almost no vaccine next year, aid groups warn. BMJ2020;371:m4809. doi:10.1136/bmj.m4809 pmid:33310819

[26] India and South Africa ask WTO to waive rules to aid COVID-19 drug production. Reuters 2020 Oct 4. https://www.reuters.com/article/uk-health-coronavirus-wto/india-and-south-africa-ask-wto-to-waive-rules-to-aid-covid-19-drug-production-idUKKBN26P0H3?edition-redirect=uk


Globaler Zugang zu Impfungen und geistige Eigentumsrechte

Leaked Covid prices sCovid-19-Impfstoffe sind derzeit ein knappes Gut. Die Patentinhaber entscheiden alleine, wo und wieviel Impfstoffe hergestellt werden und wer sie bekommt. Eine Ausweitung der Produktion durch Generikahersteller wäre naheliegend. Doch die Industrie lehnt das in der Welthandelsorganisation diskutierte Aussetzen von geistigen Eigentumsrechten ebenso ab wie freiwillige Lizenzen und Technologietransfer durch den WHO-Patentpool C-TAP.[1] Patente seien nicht das Problem, behauptet Big Pharma.

Es ist keine Frage, dass es bei Covid-19 global ungerecht zugeht. Auf zehn Länder entfallen 75% der bislang verimpften Dosen, während in 130 Ländern bis Ende Februar noch niemand geimpft wurde. Nicht nur eine gerechtere Verteilung, vor allem auch mehr Impfdosen wären notwendig.

Wie das am besten erreicht werden kann, ist derzeit ein heiß diskutiertes Thema. Bei einer Anhörung im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages prallten am 24.2.2021 die Meinungen aufeinander.[2] Dr. Siegfried Throm, der als Vertreter der großen Pharmafirmen für den Verband forschender Arzneimittelunternehmen (VfA) sprach, versuchte in Verdrehung der Tatsachen das Problem kleinzureden: „Wo ist der Bedarf? Es dauert ein bisschen. Aber das gilt nicht nur für die Länder in Europa oder auch in anderen Teilen, sondern das gilt natürlich weltweit.“

VertreterInnen der Pharma-Kampagne, Ärzte ohne Grenzen und Medico International, die bei der Anhörung ebenfalls zugegen waren, betonten dagegen, dass es versäumt wurde, rechtzeitig Voraussetzungen für die globale Massenproduktion von Impfstoffen und Medikamenten zu schaffen. Es sei jetzt dringend notwendig, Patente freizugeben und Technologietransfer zu leisten, um weiteren Herstellern die Produktion von Impfstoffen zu ermöglichen.


Mehr als ein Grund zu feiern40 jahre buko pharma kampagne

Am Ende unserer ABR-Konferenz gab es eine kleine virtuelle Feier zum vierzigjährigen Bestehen der Pharma-Kampagne. Eingeleitet wurde die Veranstaltung mit einem kurzen Film über Highlights der Kampagnenarbeit aus den letzten 40 Jahren, den Sie auf unserer Website anschauen können. Produziert hat ihn unser ehemaliger Mitarbeiter Stefan Jankowiak.
Dann folgte – moderiert von unserer Vorstandsfrau Elisabeth Lipsewers – ein bunter Regen von Glückwünschen aus aller Welt. Gopal Dabade vom Drug Action Forum Karnataka, Indien, hob hervor, wie wichtig die Arbeit von BUKO angesichts des massiven negativen Einflusses großer Pharmakonzerne im globalen Süden sei. Andy Gray aus Südafrika lobte die Zusammenarbeit beim Kampf für den Zugang zu Aids-Medikamenten. Das unterstrich auch Peter Wiesner vom deutschen Aktionsbündnis gegen Aids.
Davina Dietrich und Jan Quakernack von unserem Straßentheater „Schluck & weg“ lieferten eine geschickt inszenierte Botschaft. Sigrun Landes-Brenner grüßte von Brot für die Welt, Alexander Lohner von Misereor. Wilbert Bannenberg erinnerte humorvoll an die nachbarschaftliche Entwicklungshilfe: Der niederländische Pragmatismus hat sicher zum Überleben der Kampagne erheblich beigetragen.
Der entfernteste Gruß kam von Anwar Fazal aus Malaysia, der an die gemeinsame Gründung des Netzwerks Health Action International (HAI) vor 40 Jahren in Genf erinnerte. Birte Bogatz-Mander vom globalen HAI-Büro in Amsterdam hob die Hartnäckigkeit und Ausdauer der Pharma-Kampagne hervor und wünschte viele weitere Jahre guter Zusammenarbeit.
Dies ist nur eine kleine Auswahl der vielen Highlights des Abends. Zahlreiche Gratulationen erreichten uns auch auf schriftlichem Weg. Ihnen und euch allen ganz herzlichen Dank dafür!
Und fest versprochen sei schon hier, dass es eine echte Feier geben wird, wenn das wieder möglich ist. Wie bei der Pharma-Kampagne üblich, werden wir das Fest mit einem thematischen Input verbinden – aber einfach nur zum Feiern zu kommen, ist auch völlig OK. (JS)

Bild © Jörg Schaaber
Artikel aus dem Pharma-Brief 5/2021, S.7


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