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2021-artikel

Strafen für Big Pharma in den USA

Illegale Aktivitäten gehören offensichtlich zum Geschäftsmodell großer Pharmafirmen. 85% der 26 größten Firmen mussten über einen Zeitraum von 14 Jahren Strafzahlungen leisten, die meisten gleich mehrfach.[1]

Die Zahlen für den Zeitraum 2003-2016, die drei WissenschaftlerInnen aus den USA zusammentrugen, sind beeindruckend.[2] Doppelter Spit­zenreiter war die Firma GlaxoSmithKline mit 27 Verstößen und knapp 10 Milliarden US$ an Strafen. Dennoch machten die Bußen nur 1,55% des Firmenumsatzes im gleichen Zeitraum aus. Unter den 22 Firmen, die es mit dem Gesetz nicht so genau nahmen, finden sich auch zwei Firmen mit Sitz in Deutschland: Bayer mit 13 Verstößen und 603 Mio. US$ Bußgeldern sowie Boehringer Ingelheim mit 7 Verstößen und 416 Mio. US$ Bußen.

Dollarscheine vitph iStockHäufigster Grund für Gerichtsverfahren waren überhöhte Preise für Medikamente, die durch staatliche Programme finanziert wurden (78 Fälle). 50 Verfahren richteten sich gegen Vermarktung für nicht zugelassene Indikationen. Schmiergelder (Kickbacks) zur Umsatzsteigerung (33) und irreführende Vermarktungspraktiken (32) kamen etwa gleich häufig vor. Je 21-mal führten das Verschweigen von negativen Informationen und Umweltvergehen zu Verfahren, die in Bußgelder mündeten. Weitere Gründe waren Bestechung (9), Finanzvergehen (Steuerbetrug oder Insiderhandel, 7-mal) sowie fünf Fälle von Qualitätsmängeln oder der Verkauf von nicht zugelassenen Produkten.

Die Verstöße waren meist kein kurzer Fehltritt, im Mittel dauerten sie je nach Firma zwischen 4 und 11 Jahre an. Einzige Ausnahme war Perrigo, die nur einen Verstoß zu verzeichnen hatte, der sich über ein Jahr erstreckte.

Nur bei vier Firmen machten die Bußen mehr als 1% des Umsatzes aus, Spitzenreiter mit 2,05% war Schering-Plough.[3]Angesichts von wiederholten Verstößen gegen gesetzliche Regeln drängt sich der Verdacht auf, dass Strafen einfach eingepreist werden. Schon seit einiger Zeit gibt es in den USA deshalb die Forderung, die Bußen zu erhöhen und schwere Verstöße mit Haftstrafen für die verantwortlichen ManagerInnen zu belegen.  (JS)

Artikel aus Pharma-Brief 1/2021, S. 5

Bild Dollarscheine © vitpho/iStock

[1] Bei vier Firmen wurden im untersuchten Zeitraum keine Verstöße gefunden: Biogen Idec, Celgene, Gilead Sciences und Hospira.

[2] Arnold DG et al. (2020) Financial Penalties Imposed on Large Pharmaceutical Firms for Illegal Activities JAMA; 324, p 1995

[3] Inzwischen von Merck &Co aufgekauft.


Arbeiten unter erschwerten Bedingungen: Jahresbericht 2020

Gesundheitskrisen erzeugen Handlungsdruck. Sie beschleunigen Innova­tionen und eröffnen Chancen für strukturellen Wandel. Das hat die Covid-19-Pandemie schmerzhaft bewiesen. Neben den vielen Schwierigkeiten, die uns das Corona-Jahr auferlegt hat, hat es zugleich auch Visionen und Ziele beflügelt: Die Rufe nach globalen Gesundheitsstrategien, einem gerechten Zugang zu innovativen Forschungsprodukten, nach internationaler und interdisziplinärer Zusammenarbeit wurden 2020 deutlich lauter.

Nicht zuletzt das One-Health-Konzept, das wir mit unserem Projekt zu Antibiotika-Resistenzen stark in den Fokus genommen hatten, gewann plötzlich eine neue Brisanz. Denn der größte Teil neuartiger Infektionskrankheiten stammt – wie auch Covid-19 – vom Tier. Die komplexen Zusammenhänge der Gesundheit von Tier, Mensch und Umwelt in den Blick zu nehmen, ist das Gebot der Stunde. Nur der Schulterschluss verschiedener Bereiche macht es möglich, neu­artige oder auch resistente Krankheitserreger künftig besser eindämmen zu können.Straßentheater Huhn

Beim Thema Covid-19 hat sich die BUKO Pharma-Kampagne energisch für eine globale Sichtweise engagiert. Schon früh thematisierten wir wunde Punkte der Pandemiekontrolle und haben mit dafür gesorgt, dass der weltweite Zugang zu Impfstoffen ein wichtiges Thema in der öffentlichen Debatte wurde. Unsere neue Webseite zu Covid-19 präsentiert inzwischen die zahlreichen Artikel und Meldungen, die wir zum Thema veröffentlicht haben.

HIV: Kein Ende in Sicht!

Auch HIV/Aids stand weiterhin auf unserer Agenda. Denn Stigmatisierung, Kriminalisierung und hohe Preise schließen immer noch viele Menschen von Prävention und Behandlung aus. Unser neuer E-Learning-Kurs zeigt die vielfältigen Probleme mit gut verständlichen Texten und ansprechenden Fallbeispielen auf. Kurze Videos leiten jedes neue Kapitel ein und geben einen guten Überblick über die vielen Facetten des Themas. Der Kurs ging Mitte 2020 online und verzeichnete bis Jahresende erfreulicherweise bereits 732 Nutzungen. Waren Sie schon dort? Ein Besuch der informativen Webseiten lohnt sich und ist auch auf mobilen Endgeräten möglich! Nach Registrierung und Abschluss des kompletten Kurses können Sie ein Zertifikat erwerben.

Resistente Erreger:
Nicht zu stoppen?

Mit einem 64-seitigen Pharma-Brief Spezial zu Antibiotika-Resistenzen veröffentlichten wir im Frühjahr 2020 die Ergebnisse unserer Länderstudie zu Deutschland, Indien, Tansania und Südafrika. Die Broschüre steht in deutscher und englischer Sprache zur Verfügung. Sie liefert Daten zur Resistenzlage und beleuchtet die Ursachen und Folgen resistenter Erreger bei Menschen, Tieren und in der Umwelt. Die Länderberichte waren richtungsweisend für die Konzeption einer Präsentation: Unsere 16m2 große Wander­ausstellung „Nicht zu stoppen“ bietet mit Stellwänden, Display-Säulen und Monitoren ungewohnte Perspektiven auf die Resistenz-Problematik in Süd und Nord. Im September wurde sie in Steinfurt erstmals öffentlich gezeigt, alle anderen Termine mussten jedoch wegen Covid-19 ausfallen. Sobald es die Infektionslage zulässt, wollen wir die Ausstellung 2021 erneut auf die Reise schicken.

Unsere gleichnamige Online-Ausstellung in völlig anderer Form ging im Oktober 2020 erfolgreich an den Start. Sie integriert zahlreiche Kurzfilme mit authentischen Berichten aus verschiedensten Teilen der Welt. Schauen Sie rein und geben Sie uns Ihr Feedback!

Viel Theater mit Corona

49 Auftritte, viel Sonnenschein und über 2.000 ZuschauerInnen machten unsere Theatertournee zu Antibiotika-Resistenzen trotz erschwerter Bedingungen zum vollen Erfolg. Die SchauspielerInnen überzeugten mit einem überwiegend pantomimischen Maskentheater. Doch nicht nur hier machte uns die Corona-Pandemie bzw. der erhebliche Mehraufwand zu schaffen. Mehr als ein Dutzend Veranstaltungen, die wir allein oder gemeinsam mit anderen Akteuren vorbereitet hatten, mussten entfallen oder verschoben werden. Andere Aktivitäten wurden komplett neu geplant oder abgewandelt, um sie Covid-19 kompatibel zu machen. All das kostete viel zusätzliche Mühe.Abstand halten Hinweis

Viel Gehör gefunden

Trotzdem haben MitarbeiterInnen der Kampagne – digitaler Technik sei Dank – an über 50 Veranstaltungen teilgenommen. Die Pharma-Kampagne hat 13 Aufrufe und offene Briefe unterstützt und zudem eine äußerst erfolgreiche Pressearbeit geleistet: 51 JournalistInnen gaben wir Auskunft und insgesamt 65 Medienberichte thematisierten unsere Arbeit. Beeindruckend ist dabei die Bandbreite der Themen und Presseorgane: So führten wir Hintergrundgespräche mit Redakteuren des Spiegels, von ARD und ARTE zu diversen Themen mit Pharmabezug. Über die fehlende Transparenz bei klinischen Studien berichtete der Süddeutsche Rundfunk, das Deutsche Ärzteblatt, die Süddeutsche Zeitung und die Deutsche Apotheker Zeitung. Selbst die Apotheken-Umschau widmete der Thematik einen zweiseitigen Artikel.

Corona: Vernachlässigte Aspekte

Einen besonderen Schwerpunkt unserer Pressearbeit bildete gezwungenermaßen die Covid-19-Pandemie. Die Pharma-Kampagne veröffentlichte hierzu drei eigene Pressemitteilungen und über 100 Beiträge in sozialen Medien. Immer wieder war unsere kritische Einschätzung und Stellungnahme gefragt. Dem Evangelischen Pressedienst, Frontal 21, Report München oder auch dem NDR lieferten wir z.B. Hintergründe zur Covid-19-Forschung. Dem ARD Mittagsmagazin gaben wir Auskunft zu den Akteuren in der Pharmaforschung. Häufig kreisten Pressegespräche um Hürden des globalen Zugangs zu Impfstoffen, etwa bei WDR 5 oder der Deutschen Welle. Beiträge mit O-Tönen der Pharma-Kampagne brachten außerdem The Nation/USA, Times of Oman, Deutschlandfunk, Neues Deutschland oder die Zeitschrift Weltsichten.

Berichterstattung rund um unser Projekt zu Antibiotika-Resistenzen gab es besonders im Zeitraum unserer Theatertournee, die der Problematik größere Aufmerksamkeit verschaffte. Selbst in der Tagesschau kam die Pharma-Kampagne zu diesem Thema zu Wort.

Daneben waren auch hohe Preise für Krebsmedikamente ein Arbeitsbereich mit guter Presseresonanz: Das ARD Fernsehen plant dazu einen längeren Sendebeitrag und führte ein Interview mit Jörg Schaaber. Der FAZ lieferten wir Informationen und Zitate für den Artikel „Heilung um jeden Preis“.

Was gibt’s Neues?

Im vergangenen Jahr haben wir uns an die Suchmaschinen-Optimierung unserer Website herangetastet und werden hier auch 2021 am Ball bleiben. Unter anderem wird es demnächst größere Veränderungen auf unserer Startseite geben. Sie dürfen gespannt sein…

Und auch beim Pharma-Brief gibt es positive Neuerungen: Ende 2020 haben wir mit der Digitalisierung unserer Pharma-Brief-Artikel begonnen. Seit Ausgabe 7/2020 stehen nun alle Artikel auch einzeln online. Sie müssen nicht mehr umständlich eine PDF öffnen und bis zum gesuchten Beitrag blättern. Auch können die Beiträge nun leichter über Suchmaschinen gefunden oder von anderen Akteuren verlinkt werden. Für unsere Arbeit ist das ein großer Gewinn. Wir arbeiten daran, auch ältere Artikel nach und nach einfacher zugänglich zu machen.

Ohne die Unterstützung durch unsere Spenderinnen und Spender hätten wir all das nicht stemmen können! Auch die schnelle und unbürokratische Umwidmung von Geldern durch die Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW hat sehr dazu beigetragen, dass wir unsere Projekte in diesem schwierigen Jahr erfolgreich durchführen konnten. Ein großes Dankeschön an alle, die unsere Arbeit kontinuierlich fördern und damit Veränderung möglich machen!  (CJ)

Artikel aus Pharma-Brief 1/2021, S. 6

Bilder © Claudia Jenkes


Lateinamerikanische Staaten sollen für Fehler der Firma haften

Bei den rücksichtslosen Verhandlungen mit lateinamerikanischen Ländern pocht der Pharma-Gigant auf Schadensersatz auch bei selbstverschuldeten Problemen. Argentinien und Brasilien sollten sogar Staatsvermögen als Sicherheit einsetzen, um mögliche spätere Prozesskosten bezahlen zu können. In Peru dauerten die Verhandlungen fast sechs Monate. Im September 2020 wurde der Vertrag abgeschlossen. Er beinhaltet Klauseln, die die Firma bei Nebenwirkungen oder verspäteter Lieferung der Impfstoff-Chargen, teilweise von Schadensersatzforderungen freistellt.

Pfizer wird vorgeworfen, lateinamerikanische Länder bei den Covid-19 Impfstoff-Verhandlungen zu schikanieren. Mindestens in einem Fall haben die überzogenen Forderungen der Firma den Vertragsabschluss um drei Monate verzögert. Im Fall von Argentinien und Brasilien kam es am Ende zu keinem Vertragsabschluss.


EU-Maßnahme gegen Aspen lenkt den Blick auf globale Preishürden

Die EU-Kommission hat Anfang Februar die Verpflichtungszusagen der Firma Aspen Pharmacare für bindend erklärt. Der jahrelange Streit mit dem Hersteller um extreme Kosten und geringe Verfügbarkeit von sechs Arzneimitteln soll damit beigelegt werden.

Konkret geht es um die Wirkstoffe Melphalan, Chlorambucil, Mercaptopurin, Tioguanin und Busulfan, die bei der Behandlung verschiedener Formen von Blutkrebs eingesetzt werden. Aspen hatte die Herstellung der Präparate 2012 nach Auslauf des Patentschutzes übernommen – und anschließend die Preise nach oben gejagt. Die EU antwortete 2017 mit einem Prüfverfahren und warf dem Hersteller vor, seine Marktmacht zu missbrauchen: „Selbst nach Berücksichtigung einer angemessenen Rendite hätten die Preise durchschnittlich um fast 300 Prozent über den relevanten Kosten gelegen, so die Kommission, wobei der Überschuss von Produkt zu Produkt und von Land zu Land unterschiedlich groß ausgefallen sei.“[1] Deutschland war als eines der ersten europäischen Länder von den Preissprüngen betroffen.

Bewusste Verknappung

Die Firma setzte darauf, dass in vielen Fällen schlichtweg keine oder nur wenige Alternativen zur Verfügung standen. Als sie Gegenwind erhielt, griff sie laut EU zu noch härteren Mitteln: „Als nationale Behörden versuchten, sich den Preiserhöhungen zu widersetzen, drohte Aspen gar, die Medikamente aus den nationalen Listen erstattungsfähiger Arzneimittel streichen zu lassen, und gab in einigen Fällen sogar seine Absicht bekannt, die üblichen Lieferungen in den betreffenden Mitgliedstaaten einzustellen.“[2]

Die EU machte jetzt Ernst: Die Firma muss die Preise der sechs Medikamente im Schnitt um 73% senken, auf das Niveau von 2012. Die Preise gelten rückwirkend vom 1. Oktober 2019 für zehn Jahre, zum Ausgleich muss Aspen eine Einmalzahlung leisten. Der Hersteller musste zudem die Versorgung für die EU in den kommenden fünf Jahren zusichern. Bei Verstößen droht ein Bußgeld von bis zu 10% vom Gesamtumsatz der Firma. Nach eigenen Angaben machte Aspen zuletzt einen Jahresumsatz von fast zweieinhalb Milliarden US-Dollar.

Der Skandal wirft nicht nur ein grelles Schlaglicht auf weit verbreitete, skrupellose Praktiken der Pharma-Industrie im Milliardenmarkt mit Krebs-Präparaten. Er zeigt auch die globale Dimension des Problems.

Dramatische Lage in Südafrika

Aspen besitzt zwar mehrere Tochtergesellschaften in Europa, hat seinen Sitz jedoch in Südafrika. Auch dort zeigte der Clinch mit der EU-Kommission Folgen. Das machte Salomé Meyer, Aktivistin und Projektmanagerin bei der südafrikanischen Cancer Alliance im Gespräch mit der Pharma-Kampagne deutlich.[3] Mit Blick auf die beanstandeten Präparate stellt sie fest: „Einige der Produkte werden bei uns im öffentlichen Sektor schon gar nicht mehr zur Behandlung eingesetzt. Melphalan z.B., das zur Therapie von Myelom-PatientInnen benötigt wird, wurde über das staatliche Ausschreibungsverfahren für 2020-2022 nicht erworben. Angeblich aufgrund von Produktionsengpässen des Herstellers.“ Meyer vermutet jedoch einen anderen Grund: „Es kann durchaus sein, dass dies eher mit der EU-Untersuchung zusammenhing, als mit tatsächlichen Problemen in der Fabrikation.“

In Südafrika nimmt die Anzahl an Krebserkrankungen deutlich zu. 2018 starben daran laut Weltgesundheitsorganisation über 57.000 Menschen.[4] Die Versorgungslage mit den notwendigen Medikamenten ist schlecht. Hohe Preise und Patente spielen dabei eine elementare Rolle, so die Cancer Alliance. Die zivilgesellschaftliche Organisation hat in den letzten Jahren die Zugangshürden bei vielen Krebsmedikamenten analysiert.[5]

EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager sagte zum Beschluss gegen Aspen, er sei „eine klare Botschaft an andere marktbeherrschende Pharmaunternehmen, keine missbräuchlichen Preisbildungspraktiken anzuwenden, mit denen unsere Gesundheitssysteme ausgenutzt werden.“[6] Es wäre allerdings wünschenswert, wenn die EU dabei auch Hersteller aus der eigenen Wirtschaftsregion und deren Vermarktungspraktiken in armen Ländern ins Auge fassen würde.  (MK)

 

Projekt „Unbezahlbar krank?“: Mit ihrem Projekt macht die Pharma-Kampagne auf die schlechte Verfügbarkeit von Krebsmedikamenten aufmerksam – gerade in Ländern des globalen Südens. Im April wird ein Pharma-Brief Spezial zum Thema erscheinen. Er soll die Unterversorgung in Südafrika, Tansania, Äthiopien, Ecuador und Indien beleuchten. Dazu steht die Pharma-Kampagne in engem Austausch mit ExpertInnen vor Ort.

 

Artikel aus dem Pharma-Brief 2/2021, S.7

[1]DAZ (2021) Aspen senkt Preise für sechs Krebsarzneimittel. www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2021/02/10/aspen-senkt-preise-fuer-sechs-krebsarzneimittel [Zugriff 12.02.2021]

[2] Chemiereport (2021) Aspen muss Preise massiv senken. www.chemiereport.at/aspen-muss-preise-massiv-senken. [Zugriff 12.02.2021]

[3]Gespräch mit Salomé Meyer am 11.02.2021

[4]WHO (2020) Cancer Country Profile 2020: South Africa. www.who.int/cancer/country-profiles/ZAF_2020.pdf?ua=1 [Zugriff 12.02.2021]

[5]Cancer Alliance (2018) Exploring patent barriers to cancer treatment access in South Africa: 24 medicine case studies. https://canceralliance.co.za/wp-content/uploads/2019/08/Exploring-Patent-Barriers-to-Cancer-Treatment-Access-in-SA-24-Medicine-Case-Studies-October-2017-update-January-2018.pdf [Zugriff 12.02.2021]

[6]Europäische Kommission (2021) Kartellrecht: Kommission akzeptiert Verpflichtungszusagen von Aspen gegen exzessiv hohe Preise für patentfreie Krebsmittel. https://ec.europa.eu/germany/news/20210210-kartellrecht-aspen_de [Zugriff 12.02.2021]


„Institute for Health Metrics and Evaluation“ in der Kritik

Für effektive Gesundheitsinterventionen sind verlässliche Daten über Krankheitshäufigkeit und -verbreitung enorm wichtig. Dass mit dem Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) eine private Einrichtung zum globalen Meinungsführer wurde, ist nicht unproblematisch.

Die internationale Sammlung von Daten zur gesundheitlichen Lage der Welt ist eigentlich bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verortet. Ausgerechnet zwei ehemalige Mitarbeiter der WHO, Christopher J L Murray und Alan D Lopez, gründeten das IHME.[1] Sie begründeten ihren Schritt mit einer ausdrücklichen Kritik an der Zuverlässigkeit der von der WHO gesammelten Daten: Diese seien manipulationsanfällig, weil die Mitgliedsstaaten öfters versuchten, ihre gesundheitliche Lage rosiger darzustellen als sie in Wirklichkeit sei.[2] Auch wenn das nicht völlig von der Hand zu weisen ist, bleibt die Frage, ob die Privatisierung dieser öffentlichen Aufgabe die beste Lösung ist.

2007 wurde das IHME mit massiver Unterstützung der Bill und Melinda Gates Foundation aus der Taufe gehoben. Es ist an der University of Washington in Seattle, USA, angesiedelt. Zentrales Projekt: Die Global Burden of Disease Study, die versucht, die Krankheitslast auf der Welt möglichst genau zu erfassen und sich nicht auf die Zählung von Todesfällen zu beschränken. Das war allerdings nichts Neues. Ursprünglich war die systematische Erfassung der Global Burden of Disease (GBD) ein Konzept, das von der Weltbank in den 1990er-Jahren gemeinsam mit der WHO – unter Beteiligung von Murray – vorangetrieben wurde. Die WHO veröffentlicht Daten zur weltweiten Krankheitslast seit dem Berichtsjahr 2000. [3],[4]

Das IHME publizierte seine erste Global Burden of Disease Study 2012. Das war durchaus als Konkurrenz zur WHO zu verstehen. Die WHO hielt die Ergebnisse dieser Studie teils nicht für vertrauenswürdig, weil sie die Informationen zur Methodik für unzureichend hielt.[4] Inzwischen gelten die Publikationen des IHME als Standard für globale Gesundheitsdaten – und die WHO wurde an den Rand gedrängt. Seit 2018 kooperiert die WHO mit dem Institut.[1] Allein von der Gates-Stiftung hat das IHME über die Jahre über 600 Millionen US$ an Förderung erhalten.

Tim Schwab fasste die Kritik am IHME kürzlich in „The Nation“ prägnant zusammen.[5] Zwar sei es lobenswert, zu besseren Daten kommen zu wollen, aber das IHME nutze teils schwer nachvollziehbare Methoden, um fehlende Daten durch Simulationen zu ersetzen. Da die Ergebnisse des IHME aber zunehmend als Basis für Entscheidungen staatlicher und privater Träger über den Einsatz von Geldern für die Gesundheitsversorgung dienen, sei das nicht unproblematisch.

Win-win für wen?

Durch die Kooperation mit der angesehenen Medizinzeitschrift Lancet beim Global Burden of Disease Report prägt das IHME immer stärker den öffentlichen Diskurs. Dabei sind sowohl das Institut als auch die Verleger des Lancet Gewinner. Durch zahlreiche Artikel des IHME in der Fachzeitschrift, die häufig zitiert werden, steigert sich der „Impact Factor“ des Lancet.

2019 erhielt der Herausgeber des Lancet, Richard Horton, den mit 100.000 US$ dotierten Roux-Preis des IHME. Ein Mitarbeiter des Instituts klagte in einer internen E-Mail: „Ich würde gerne verstehen, was der langfristige Denkprozess für die Verleihung des Preises an Horton war. Wie sollen wir als MitarbeiterInnen diese Entscheidung verteidigen, wenn uns vorgeworfen wird, dass wir uns beim Lancet eingekauft haben, statt dass unsere Artikel wegen der Qualität unserer Arbeit veröffentlicht werden?“[5]

Nicht wenige WissenschaftlerInnen beklagen eine Hegemonie des IHME bei der Erfassung und Interpretation von internationalen Gesundheitsdaten.

Alle seriösen Fachzeitschriften in der Medizin verlangen eine Offenlegung von Interessenkonflikten. Das IHME scheint es damit nicht so genau zu nehmen. Dass das Institut 2018 über drei Millionen US$ von der Pharmaindustrie kassiert hat, taucht unter den Artikeln des Instituts nicht auf.[5]

Dass das IHME tatsächlich nicht immer richtig liegt, zeigte sich zu Beginn der Covid-19-Pandemie im Frühjahr 2020. Die weit in die Zukunft reichenden Prognosen für den Verlauf enthielten eine deutliche Unterschätzung der Erkrankungszahlen. Sie dienten dem damaligen US-Präsidenten Trump als Rechtfertigung, keine einschneidenden Maßnahmen zu veranlassen.[5]  (JS)

 Artikel aus Pharma-Brief 1/2021, S. 4

[1] Shiffman J and Shawar YR (2020) Strengthening accountability of the global health metrics enterprise. Lancet; 395, p 1452 https://doi.org/10.1016/S0140-6736(20)30416-5

[2] Murray CJL et al. (2004) Monitoring global health: time for new solutions Christopher J L, Alan D, Suwit BMJ; 329, p 1096

[3] WHO (2021) Global Health Estimates (GHE) www.who.int/healthinfo/global_burden_disease/en/  

[4] WHO (2017) WHO methods and data sources for global burden of disease estimates 2000-2015. www.who.int/healthinfo/global_burden_disease/GlobalDALYmethods_2000_2015.pdf

[5] Schwab T (2020) Are Bill Gates’s Billions Distorting Public Health Data? The Nation, 6 Dec. www.thenation.com/article/society/gates-covid-data-ihme [Zugriff 24.1.2021]


Globale Impfstoffversorgung in der Sackgasse?

Mit dem Covid-19-Impfstart in einigen Ländern wird der Blick auf die Verteilungspraxis kritischer. Dabei rücken besonders die verschiedenen Initiativen bei der WHO und der WTO in den Fokus.

Während in Deutschland eine Debatte darüber tobt, wann in den kommenden Wochen die notwendigen Impfstoffmengen gegen Covid-19 zur Verfügung stehen, stellt sich für den Großteil des globalen Südens die Frage, wie viele Monate oder Jahre vergehen mögen, bis es ausreichenden Zugang gibt.


Globaler Zugang zu Impfungen und geistige Eigentumsrechte

Leaked Covid prices sCovid-19-Impfstoffe sind derzeit ein knappes Gut. Die Patentinhaber entscheiden alleine, wo und wieviel Impfstoffe hergestellt werden und wer sie bekommt. Eine Ausweitung der Produktion durch Generikahersteller wäre naheliegend. Doch die Industrie lehnt das in der Welthandelsorganisation diskutierte Aussetzen von geistigen Eigentumsrechten ebenso ab wie freiwillige Lizenzen und Technologietransfer durch den WHO-Patentpool C-TAP.[1] Patente seien nicht das Problem, behauptet Big Pharma.

Es ist keine Frage, dass es bei Covid-19 global ungerecht zugeht. Auf zehn Länder entfallen 75% der bislang verimpften Dosen, während in 130 Ländern bis Ende Februar noch niemand geimpft wurde. Nicht nur eine gerechtere Verteilung, vor allem auch mehr Impfdosen wären notwendig.

Wie das am besten erreicht werden kann, ist derzeit ein heiß diskutiertes Thema. Bei einer Anhörung im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages prallten am 24.2.2021 die Meinungen aufeinander.[2] Dr. Siegfried Throm, der als Vertreter der großen Pharmafirmen für den Verband forschender Arzneimittelunternehmen (VfA) sprach, versuchte in Verdrehung der Tatsachen das Problem kleinzureden: „Wo ist der Bedarf? Es dauert ein bisschen. Aber das gilt nicht nur für die Länder in Europa oder auch in anderen Teilen, sondern das gilt natürlich weltweit.“

VertreterInnen der Pharma-Kampagne, Ärzte ohne Grenzen und Medico International, die bei der Anhörung ebenfalls zugegen waren, betonten dagegen, dass es versäumt wurde, rechtzeitig Voraussetzungen für die globale Massenproduktion von Impfstoffen und Medikamenten zu schaffen. Es sei jetzt dringend notwendig, Patente freizugeben und Technologietransfer zu leisten, um weiteren Herstellern die Produktion von Impfstoffen zu ermöglichen.


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