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Wechselwirkungen und mangelnde Kontrolle

HIV-Infizierte haben ein um 30% höheres Risiko, schwer an Corona zu erkranken oder daran zu sterben.[1] Das gilt besonders für Menschen, die keinen Zugang zu HIV-Medikamenten haben und deren Immunsystem stark geschwächt ist. Trotzdem gehen beim Zugang zu Impfstoffen gerade HIV-Schlüsselgruppen häufig leer aus. Wechselwirkungen zwischen beiden Pandemien sind offensichtlich und sollten mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Die COVID-19 Pandemie hat den Zugang zu HIV-Testung und Behandlung, aber auch zu Präventionsangeboten deutlich erschwert. Bereits im vergangenen Jahr warnte der UNAIDS-Report vor wachsender Ungleichheit infolge von SARS-Cov-2 und dass bei der Pandemiekontrolle niemand zurückgelassen werden dürfe.[2] So sind rund 800.000 Kinder weltweit HIV-positiv und werden nicht mit den für sie lebenswichtigen antiretroviralen Medikamenten behandelt. Doch auch bei der Corona-Impfung gehen Kinder und Jugendliche zumeist leer aus, weil die Impfstrategien vieler Länder diese Altersgruppe noch gar nicht erfassen.[3] Südafrika zählt zu den wenigen Ländern des afrikanischen Kontinents, die den Biontech-Impfstoff für die Altersgruppe der 12-17jährigen zugelassen haben.

34 Länder meldeten der WHO auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie im Sommer 2020 Unterbrechungen bei ihren Versorgungsangeboten im Bereich sexuell übertragbarer Krankheiten.

Corona verschärft Ungleichheiten und Zugangsprobleme

Eine effektive Pandemie-Kontrolle wäre bei HIV und COVID gleichermaßen entscheidend für die globale Gesundheit. Denn es gibt Wechselwirkungen zwischen beiden Krankheiten. Vieles spricht etwa dafür, dass die sich derzeit ausbreitende Omikron-Variante während einer längeren Erkrankung bei einer Person mit einem geschwächten Immunsystem entstanden ist. Weil die stark mutierte Variante erstmalig im südlichen Afrika auftrat, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie der HIV-Pandemie zu verdanken ist, schrieb unlängst das British Medical Journal.[4] HIV ist in der Region eine häufige Ursache für Immundefekte, etwa acht Millionen der 60 Millionen EinwohnerInnen Südafrikas leben mit HIV.

Bei vielen der in Südafrika neu diagnostizierten Fälle ist die HIV-Infektion bereits weit fortgeschritten und das Immunsystem ist extrem anfällig. Viele dieser Menschen haben schon einmal eine Therapie begonnen, sind aber nicht in ständiger Behandlung oder haben die Behandlung abgebrochen. Gründe dafür sind zum einen Armut und Stigmatisierung der Betroffenen, aber auch unbezahlbare Kosten der Behandlung oder ein schlechter Zugang zu psychischen Diensten. COVID-19 hat diese bestehenden Herausforderungen noch verschärft und den Zugang zu HIV-Tests und zur Routineversorgung HIV/Aids-Infizierter weiter verschlechtert.

Viele immungeschwächte Personen haben sich deshalb mit dem Corona-Virus angesteckt – also Menschen, die einerseits ein höheres Risiko für langwierige Infektionen haben und andererseits eher Träger von Mutationen sind. Umso wichtiger wäre es, weltweit den Zugang zu allen Aspekten der Gesundheitsversorgung zu verbessern und somit beide Pandemien effektiv zu bekämpfen, betonen die AutorInnen des BMJ. „Der nächsten besorgniserregenden Variante sollte man durch eine Erhöhung der Impfquoten in Bevölkerungsgruppen mit niedrigem Immunitätsniveau und hoher Immunschwäche vorbeugen, anstatt sie erst dann zu bekämpfen, wenn sie in einem wohlhabenden Land auftritt.“[3]

HIV-Aktivismus bietet reichen Erfahrungsschatz für die Covid-Bekämpfung

Zugleich müsse man die sozialen Determinanten von Gesundheit – einschließlich Diskriminierung und Stigmatisierung – stärker in den Blick nehmen. Davon würde die Bekämpfung von HIV ebenso profitieren wie die von SARS-Cov-2. Schließlich biete gerade das Erbe des erfolgreichen südafrikanischen HIV/Aids-Aktivismus einen großen Erfahrungsschatz, was menschenrechtsbasierte Handlungsansätze und ein starkes zivilgesellschaftliches Engagement auf Gemeindeebene angeht. Die Stärkung und Integration solcher Akteure sei beim Zugang zu Impfung, Diagnostik und Behandlung in armen Ländern von großer Bedeutung.

 Die Treatment Action Campaign hat mit ihren Aktionen entscheidend dazu beigetragen, dass Südafrika heute das weltweit größte HIV-Behandlungsprogramm hat.

Eine aktuelle Untersuchung zu den Effekten von COVID-19 auf die HIV-Kontrolle bei Sexarbeiterinnen in Indonesien stützt diese These.[5] Das nationale HIV-Programm verzeichnete von Februar bis Mai 2020 bedingt durch Corona massive Engpässe. HIV-Tests und damit auch die Anzahl neu begonnener Behandlungen gingen bei SexarbeiterInnen laut offizieller Angaben um 83-94% zurück. Vielfach wurden jedoch auf lokaler Ebene zusätzliche Testangebote geschaffen und bereits im Juli lag die Zahl der durch Basisgesundheitsdienste auf Gemeindeebene erreichten KlientInnen wieder auf Vor-Corona-Niveau oder sogar darüber. „Es scheint, dass die Effekte der Pandemie auf das nationale HIV/Aids-Programm durch die kontinuierliche Arbeit von Organisationen der Zivilgesellschaft auf kommunaler Ebene abgefedert wurden.“, schlussfolgern die AutorInnen.

Integrierter Ansatz ist nötig

Die Wechselwirkungen zwischen HIV und COVID-19 weiterhin im Blick zu behalten, ist dringend geboten. Es gilt, die globale HIV-Bekämpfung zu stärken und zu verbessern und zugleich die anhaltende Covid-19-Pandemie einzudämmen – durch gezielte Testung und Impfung von Menschen mit HIV und anderen immungeschwächten Personen. Dazu ist u.a. eine Neuausrichtung bei Test- und Präventionsstrategien unerlässlich und auch ein integrierter Ansatz, um auf beide Erkrankungen angemessen reagieren zu können. (CJ)

 

Artikel aus dem Pharma-Brief 2/2022, S.2
Abbildung Countries reporting on ARV disruptions due to Covid-19 © WHO
Bild Treatment Action Campaign Aktion © TAC

[1]WHO (2021) WHO warns that HIV infection increases risk of severe and critical COVID-19. www.who.int/news/item/15-07-2021-who-warns-that-hiv-infection-increases-risk-of-severe-and-critical-covid-19 [Zugriff 10.3.2022]

[2] UNAIDS (2021) Confronting inequalities. Global Aids Update.  www.unaids.org/en/resources/documents/2021/2021-global-aids-update [Zugriff 10.3.2022]

[3] K. Govender, P. Nyamaruze, N. McKerrow (2022) COVID-19 vaccines for children and adolescents in Africa: aligning our priorities to situational realities. BMJ Global Health
2022;7:e007839. doi:10.1136/bmjgh-2021-007839

[4] J. Freer, V. Mudaly (2022) HIV and covid-19 in South Africa. The two pandemics must be confronted collectively and globally. BMJ 2022;376:e069807
http://dx.doi.org/10.1136/bmj-2021-069807, published: 27 January

[5] R. J. Magnani, D. N. Wirawan, A. Agung et al. (2022) The short term effects of COVID-19 on HIV and AIDS control efforts among female sex workers in Indonesia. BMC Women’s Health 22:21 https://doi.org/10.1186/s12905-021-01583-z

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12. Mai: Patentierung von Arzneimitteln und Lizensierungsmodelle
13. Mai: Bedarfsgerechte Forschung, klinische Studien und Zulassung
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19. Mai: Fachtagung Zugang zu Krebsmedikamenten

 

11.-21. September: Straßentheatertournee in NRW